Eine aktuellen anarchistisch-kommunistische Position und Strategie wird in der Broschüre „Introduction to Anarchist Communism“ der Anarchist Federation (UK) dargelegt. Diese ist, in der Version von 2013, nun auf deutsch übersetzt unten zu finden. Das Original (2010) findet ihr auch der Seite der AF UK.

Ausdruckbare und E-Book-fähige Dateien findet ihr unter Downloads.

Einführung in den anarchistischen Kommunismus

von Anarchist Federation UK
(Vorläufig fertige Übersetzung)

1. Einleitung

Es gibt so einiges, worüber du wütend sein kannst. Das Massaker an Tausenden jedes Jahr in den Kriegen rund um den Globus. Das Hungern von Tausenden, die jeden Tag mehr werden, während Nahrung in den Warenhäusern verrottet. Die Auslöschung von Spezies um Spezies, während unsere Umwelt langsam zerstört wird. Die Millionen von Menschen, die in Sweatshops missbraucht werden, bis ihre Körper und ihr Geist verbraucht sind und sie auf den Müllhaufen geworfen werden. Die zahllosen Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts emotionaler, physischer und sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Die große Anzahl derer, die Diskriminierung und Unterdrückung allein aufgrund ihrer Hautfarbe erleiden.

Das alles sind nur die schockierenden der Schlagzeilen. Dabei taucht noch gar nicht auf, was jeder und jedem von uns Tag für Tag widerfährt. Wenn wir arbeiten, überlassen wir unsere Zeit und unsere Energie den Launen und dem Kalkül* einiger Firmen und ihrer Manager. Wir haben keine Kontrolle über das, was wir Tag für Tag tun und werden nicht an dem beteiligt, was wir produzieren. Wenn wir nicht arbeiten, sind wir auf unangemessen geringe Bezüge angewiesen, knauserig von Leuten ausgehändigt, die dazu ausgebildet wurden, uns als arbeitsscheu und faul zu verachten. Unsere Leben werden auf Grund dessen kontrollliert, was wir uns leisten können und was wir uns nicht leisten können und anhand der sinnlosen Pläne der Regierung, die darauf besteht, dass wir beweisen sollen, dass wir nicht „schmarotzen“. Als Hausfrauen bekommen wir keine Anerkennung für die stundenlange Arbeit, welche wir verrichten. Als Arbeitslose werden wir für etwas bestraft, wofür wir nichts können. Als Arbeitende werden wir herumkommandiert und jede Sekunde beobachtet, die wir auf der Arbeit sind. Am Abend werden wir viel zu müde nach Hause entlassen, um noch wirklich die Zeit genießen zu können, die wir für uns selbst haben.
Auf der einen Seite – Tod und Zerstörung im großen Maßstab. Auf der anderen Seite – krasse Langeweile und die Entfremdung unseres täglichen Lebens. Diese ganzen Schrecken gehören zusammen, sind zwei Gesichter ein- und desselben Systems. Dieses System hat sich von Grund auf entwickelt*, damit wir uns darin gegensetig an die Kehle gehen. In ihm wird jeder winzige Unterschied zwischen uns benutzt und verschärft – wir werden dazu gebracht, um Brosamen zu konkurrieren und hasserfüllt gegeneinander zu kämpfen, während eine winzige Minderheit einen Nutzen daraus zieht. Das System, von dem wir sprechen, ist der globale Kapitalismus – ein Muster wirtschaftlicher und politischer Ausbeutung, welches in jeden Aspekt unseres Lebens hineinreicht. Es verwendet Sexismus, Rassismus, Homophobie und die ganzen anderen engstirnigen Vorurteile und den Hass, der uns umgibt, um sich selbst zu schützen. Es erzeugt Hierarchien der Macht und des Wohlstands, um die Menschen, die von ihm ausgebeutet werden, untereinander zu spalten.

Das Problem heißt Kapitalismus! Wir alle, die in ihm ausgebeutet und herabgewürdigt werden, sind die Lösung! Wenn wir uns auf Grund unserer gemeinsamen Ausbeutung vereinigen, werden wir zu einer Kraft, die der Kapitalismus nicht kontrollieren und nicht zerschlagen kann. Wir haben es in der Hand, eine neue Gesellschaft zu erschaffen, die die Bedürfnisse von uns allen befriedigt und nicht nur die einer kleinen Minderheit!

In der Anarchist Federation glauben, dass wir ein Teil dieses Kampfes sein können. Wir sehen uns als Teil einer Tradition, die sich hindurchzieht durch die Geschichte des Widerstands gegen den Kapitalismus, eine Tradition, die anarchistisch-kommunistisch genannt werden kann – obwohl sich nicht alle in dieser Weise bezeichnet haben, die an dieser ihren Anteil hatten. Wir glauben, dass diese Ideensammlung und die darin vorgeschlagenen Organisationsformen unsere größte Hoffnung sind, den Kapitalismus zu vernichten und etwas besseres zu erschaffen.

Wie schon das erste unserer Ziele und Prinzipien besagt – wir sind „eine Organisation von revolutionären, klassenkämpferischen Anarchisten. Wir legen es auf die Abschaffung aller Hierarchien an und arbeiten für die Erschaffung einer weltweiten klassenlosen Gesellschaft: den anarchistischen Kommunismus.“ Diese Broschüre hat sich zum Ziel gesetzt, verständlich zu machen, was genau das bedeutet und wie wir glauben, das alles erreichen zu können.

2. Was wir bekämpfen: Kapitalismus und Hierarchie

Kapitalismus

Viele einflussreiche Leute, von Zeitungsredakteur_innen bis hin zu Wirtschaftsprofessor_innen, werden dir erzählen, dass der Kapitalismus „natürlich“ ist. Menschen sind gierig, egoistisch und wetteifern miteinander – deshalb muss das Wirtschaftssystem auf Gier, Egoismus und Wettstreit aufgebaut sein. Ihrer Meinung nach ist der Kapitalismus ein System, das unser „natürliches“ Verlangen nach Wettstreit und Dominanz nutzt, um allen zu nützen, sogar den „Verlierer_innen“ in diesem Wettkampf. Die Wirtschaft wächst, weil skrupelloser Wettbewerb zwischen den Firmen diese dazu zwingt, Neuerungen einzuführen und sich zu vergrößern, Wohlstand aus dem Nichts zu erschaffen, der dann in die Gesellschaft hineinsickert.

Diese Propagandist_innen – denn nichts anderes sind sie – sind sich uneinig darüber, ob dieser Vorgang vollkommen „natürlich“ stattfinden kann, oder ob die Regierung eingreifen sollte, um ihn zu mildern. Manche argumentieren, dass alles für den Wettbewerb geöffnet werden sollte – Krankenhäuser, Schulen usw. – so dass der Nutzen des Wachstums allen zu Gute kommt. Andere argumentieren, manchmal nennen sie sich sogar Sozialisten, dass manche Dinge wie Gesundheitsversorgung und Bildung vom Staat betrieben werden sollten. Diese würden eine gesündere und besser ausgebildete Arbeiterschaft für die kapitalistischen Firmen hervorbringen und sie wettbewerbsfähiger machen.
Diese Auseinandersetzungen sind manchmal heftig, aber letztendlich stimmen beide Seiten in allen wichtigen Punkten überein. Einige wenige Menschen sollen die Fabriken besitzen und kontrollieren, die Dienstleistungen und das Land, die die Grundlage für die Wirtschaft bilden. Diese Leute sollen alle Entscheidungen fällen und sollen den größten Teil des Wohlstands abschöpfen, den die Unternehmen erzeugen. Andere Leute sollen dort unter der Kontrolle von Managern arbeiten. Sie sollen Befehle entgegennehmen, keine Entscheidungen treffen und sich mit einem Lohn für ihre Arbeit zufrieden geben.

Solcherart ist das Wesen des Kapitalismus. Eine kleine Gruppe von Leuten kontrolliert die Orte, an denen wir arbeiten, das Land das unsere Nahrung produziert, die Fabriken, in denen unsere Kleidung und all die Dinge hergestellt werden, die uns das Leben möglich machen. Diese Leute bilden die herrschende Klasse und ihre Macht entspringt aus ihrer Kontrolle über die Produktionsmittel, die Rohstoffe und die Ausrüstung, die gebraucht werden, um die von uns benötigten Dinge herzustellen. Alle anderen müssen auf den Feldern und in den Fabriken arbeiten, in den Callcentern und Bürogebäuden. Wir sind die lohnabhängige Klasse1 und in diesem System sind wir es, die die Produktionsmittel handhaben. Wir liefern die Arbeit, die es diesen Äckern und Fabriken, Callcentern und Bürogebäuden erst erlaubt, Güter und Dienstleistungen zu produzieren – Waren für die herrschende Klasse, welche diese dann profitträchtig verkauft.

Der Kapitalismus ist zudem ein System der Ausbeutung. Es ist ein Klassensystem, in welchem die Mehrheit, die lohnabhängige Klasse, von einer Minderheit, der herrschenden Klasse, ausgebeutet wird. Diese trifft die Entscheidungen darüber, welche Produkte die Fabriken herstellen oder welche Dienstleistungen bereitgestellt werden, und sie treffen die Entscheidungen darüber, wie die Arbeit organisiert wird. Die „lohnabhängige Klasse“, das sind all die Leute, die gezwungen sind, an diesen Orten zu arbeiten, um das Geld zu verdienen, das sie zum Leben brauchen. Wir, die lohnabhängige Klasse, stellen all das her und sorgen für all die Dinge, die die Gesellschaft braucht, um zu funktionieren. Sie, die herrschende Klasse, saugt den Profit aus unserer Arbeit. Wir sind der Körper der Gesellschaft, sie der Schmarotzer, der uns leersaugt.

Klassenkampf

Im kapitalistischen System sind die Interessen der herrschenden Klasse und der lohnabhängigen Klasse immer gegensätzliche. Die herrschende Klasse versucht, uns besser in den Griff zu bekommen, mehr Kontrolle über uns zu erlangen, um schlussendlich mehr Profit aus uns und unserer Arbeit herauszuschlagen. Wir, die lohnabhängige Klasse, versuchen, uns von der Kontrolle unserer Chefs und unserer Regierung zu befreien – versuchen, Kontrolle über unser eigenes Leben zu gewinnen. Es wird immer einen Konflikt zwischen diesen Gruppen geben, ob im kleinen oder auf der Ebene der Massen.
Dieser Konflikt nimmt viele Formen an. Am offensichtlichsten vollzieht er sich dort, wo wir arbeiten. Streiks wegen Löhnen oder Arbeitsbedingungen lassen die Interessen einer Gruppe von Chefs im Widerspruch gegenüber denen einer Gruppe von Arbeitenden hervortreten. Klassenkampf ist jedoch viel mehr als nur das. Der Kapitalismus versucht, die Kontrolle über den Profit aus allen Aspekten unseres Lebens zu ziehen. Unsere Wohungen werden aus Profitinteresse gekauft, verkauft und vermietet. Unsere Nahrung, die wir essen und die Getränke, die wir trinken, sind in Privatbesitz und werden privat kontrolliert. Unsere Umwelt wird zu einer riesigen Müllhalde für die Industrie, nur noch danach bewertet, ob sie Profit bringt und nicht danach, wie sie uns das Leben ermöglicht und uns reicher macht. Immer dann, wenn wir für die Kontrolle über einige Aspekte unseres Lebens kämpfen, beteiligen wir uns am Klassenkampf. Wenn wir für unsere Communities2 oder unsere Umwelt kämpfen, dann führen wir Klassenkampf.

Daraus folgt, dass wir den Begriff der Klasse nicht auf die gleiche Weise verwenden, wie es viele andere, vor allem in den Medien, tun. Mit dem Begriff der „Klasse“ ist nicht gemeint, dass manche mehr verdienen als andere oder dass sie auf verschiedene Schulen gingen. Diese hauptsächlich soziologischen Definitionen von Klasse – Werber, Manager und anderer Abschaum lieben diese Definitionen – werden verwendet, um die wahre Natur der Klasse zu verbergen. Wir sehen die lohnabhängige Klasse nicht nur als diejenigen Leute an, die traditionelle Handarbeiter- oder Industriejobs ausüben. Ob jemand momentan nicht arbeitet, aber von magerer staatlicher Unterstützung abhängig ist und so ständig unter Druck steht, wieder Arbeit zu finden – ob jemand in Ausbildung ist, was die Vorbereitung zum Arbeiten darstellt oder von Pension/Rente lebt, was wiederum nur den aufgeschobenen Lohn meint. Wenn all das zutrifft, dann ist unsere Situation offensichtlich sehr verschieden von den „faulen Reichen“, die ähnlich Großgrundbesitzern in der Lage sind, ein komfortables Leben auf dem Rücken von anderen zu führen. Genauso haben Leute, die traditionell als Mittelkasse bezeichnet werden, wie bspw. Lehrer, keine wirkliche Kontrolle über ihr Leben und die Arbeit, die sie verrichten. Sie sind dazu gezwungen, gegen ihre Arbeitgeber zu kämpfen, genauso wie der Rest der lohnabhängigen Klasse.

Diese Verwirrung über den Klassebegriff ist Teil einer breiten Taktik, die die herrschende Klasse anwendet, um die Realität der Klassen für diejenigen Leute zu verschleiern, die sie ausbeutet. Der Kapitalismus braucht Arbeiter_innen, aber wir Arbeiter_innen brauchen den Kapitalismus nicht. Wenn die lohnabhängige Klasse sich entlang ihres eigenen Intresses vereinigt, dann scheint die Möglichkeit auf, die herrschende Klasse abzuschaffen und die Gesellschaft selbst zu organisieren. Wir brauchen sie nicht, aber sie brauchen uns. Deshalb arbeitet die herrschende Klasse sehr hart, um uns gegeneinander aufzuhetzen. Sie tut das auf zwei verschiedene Arten – teilweise durch den Versuch, Ideen und die Art, wie wir über uns selbst denken, zu beeinflussen und teilweise dadurch, dass sie kleine Unterschiede an Macht und Wohlstand schafft, welche die lohnabhängige Klasse gegeneinander aufbringen.

Dinge wie Nationalismus – die Idee also, dass wir dem Staat in einem Land gegenüber loyal sein sollen, nur weil wir dort geboren wurden – oder die Idee der „Arbeitsmoral“ – dass wir dem Chef, der uns ausbeutet, einen anständigen Arbeitstag schulden – werden von der herrschenden Klasse verwendet, um die lohnabhängige Klasse in sich zu spalten und und dem Chef gegenüber loyaler zu sein, als den Leuten um uns herum. Nationalismus trennt die Arbeiter_innen in einem Land von den Arbeiter_innen in einem anderen und ist die Wurzel von Rassismus, welcher die Arbeiter_innen aufgrund von Hautfarbe spaltet. Die Arbeitsmoral bindet uns an den Chef, anstatt an uns gegenseitig und lässt manche die „faulen“ Arbeitslosen beschuldigen, anstatt die Schuld dort zu erkennen, wo sie tatsächlich zu finden ist.

Diese Ideen werden dazu verwendet, die lohnabhängige Klasse zu spalten und dadurch verstärkt, dass Unterschiede in Macht und Wohlstand erzeugt werden, um diese wiederum zu verstärken. In großem Maßstab werden Arbeiter_innen im Westen dazu gebracht, mit denen im globalen Süden zu konkurrieren, indem Fabriken, auf der Suche nach billigerer Arbeitskraft, eben dorthin verlagert werden. In kleinerem Maßstab wird einzelnen Arbeiter_innen etwas mehr Gehalt bezahlt, werden sie zu Aufseher_innen gemacht, um dann uns andere herumzuscheuchen, für ein bisschen mehr Lohn. Dinge wie diese passieren auf viele verschiedene Arten und Weisen, haben aber alle die gleiche Wirkung. Leute aus der lohnabhängigen Klasse konkurrieren um Krümel, während die herrschende Klasse riesige Profite abschöpft und uns diese paar Reste hinwirft, eben damit wir weiter gegeneinander kämpfen anstatt gegen sie.

Den Klassenkampf führen heißt also, zu versuchen, diese falschen Unterschiede zu entlarven und sich als eine Klasse gegen diejenigen zusammenzuschließen, die uns ausbeuten. Dieser Prozess vollzieht sich die ganze Zeit über. Manchmal erstarken wir und schließen uns als eine Klasse zusammen, erringen Zugeständnisse wie kürzere Arbeitstage, Gesundheitsversorgung und so weiter. Die herrschende Klasse wehrt sich und nutzt unsere Spaltungen, um diese Einigkeit zu brechen, die Klasse zu schwächen und die von uns erzielten Erfolge rückgängig zu machen, oder sogar noch schlimmer: diese gegen uns zu verwenden. Dieses hin und her zwischen der herrschenden und der lohnabhängigen Klasse wird andauern bis der Kapitalismus überwunden ist.

Der Staat

Eines der Dinge, die die Ausbeutung ermöglichen und eines der wichtigsten Werkzeuge, um die lohnabhängige Klasse in ihren Spaltungen gefangen zu halten, ist der Staat. Der Staat besteht aus allen Einrichtungen des Regierens. Das Parlament, die sozialen Dienste, die Gerichte, die Steuereintreiber_innen und so weiter sind alle Teile des Staates. Diese Institutionen regulieren und steuern das Leben der „Bürger_innen“, also das deine und das meine, um dem Kapitalismus zuzuarbeiten. Der Staat ist das organisierte Gesicht des Kapitalimsus. Er ist die politische Vertretung der wirtschaftlichen Kraft der herrschenden Klasse. Wenn der sogenannte freie Markt etwas nicht erreichen kann, das Kapital genau das aber für sein Wachstum braucht, dann betritt der Staat die Bühne und verwirklicht es.

Es gibt viele Wege, wie er das tun kann. Das Parlament beschließt Gesetze, die das Eigentum der Reichen schützen, während sie die Möglichkeit der Armen sich zu wehren, beschränken. Er handelt als Schiedsrichter in Konflikten zwischen kapitalistischen Firmen und stellt Handelsregeln auf, damit verschiedene Unternehmen sich gegenseitig vertrauen können. Steuergelder werden verwendet, um für das Business notwendige Dienstleistungen zu schaffen, welche dieses sich nicht selbst aufbauen kann: Straßen und Transportsysteme, Schulen, um ausgebildete Arbeiter_innen zu beziehen, Stromversorgung und Kanalisation – Dinge, die später für den privaten Profit verkauft werden. Kurz, alles das, was das Business möglich macht. Der Staat kann die Volkswirtschaften von Entwicklungsländern mithilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zerstören, sodass Firmen immer einen Vorrat an Rohstoffen und Arbeiter_innen haben, die sie ausbeuten können. Da der Staat die legale und physische Infrastruktur aufbaut, die der Kapitalismus benötigt, um Arbeiter_innen, die ihre Situation verbessern wollen, direkt anzugreifen, ist er ein wichtiges Werkzeug für die kapitalistische Klasse.
Wichtig ist, dass der Staat Oganisationen lenkt, die wiederum unmittelbar Leute aus der lohnabhängigen Klasse steuern und zum Gehorsam zwingen. Die Armee und die Polizei verwenden am offensichtlichsten direkte Gewalt, um Menschen in der Spur zu halten, etwa wenn die Polizei zu Hause Streiks und Köpfe bricht und die Armee im Ausland den Kapitalismus erzwingt. Auch Schulen, während sie doch einen wichtigen Dienst leisten, indoktrinieren Kinder und bereiten sie weniger auf ein Leben als Menschen als auf ein Leben als Arbeiter_innen vor. Gefängnisse, Ausländerbehörden, Arbeitsämter und so weiter und so weiter, sie alle greifen in unser Leben ein und steuern unsere Handlungen. Von manchen dieser Dinge, wie Schulen, Krankenhäuser und Sozialleistungen, hängt zuweilen unser Leben ab. Oft ist es genau diese Abhängigkeit, die solche Institutionen ausnutzen, um die Kontrolle über uns zu behalten. Sozialleistungen werden an Bedingungen geknüpft, die vorgeben, was wir tun dürfen und was nicht. Schulen geben uns das Wissen, das wir brauchen, um die Welt zu verstehen, aber sie gewöhnen uns auch daran, Disziplin zu akzeptieren und einen Tag voller Langeweile zu ertragen, während uns eine Autoritätsfigur erzählt, wie wir zu sein haben.

Manche Leute argumentieren, dass der Staat so handle, weil er unter der Kontrolle der Kapitalisten stehe. Sie sagen, wenn der Staat unter der Kontrolle einer Gruppe stünde, die die lohnabhängige Klasse vertreten würde, also im Normalfall eine revolutionäre Partei oder dergleichen, dann würde er sich anders verhalten. Das lässt aber einen wichtigen Aspekt des Staates außer acht, der sich in allen Institutionen, welche er kontrolliert, zu erkennen gibt. Der Staat wurde dazu geschaffen, von oben herab zu regieren – er ist seinem innersten Wesen nach hierarchisch. Das bedeutet, dass er immer die Macht in den Händen einer Minderheit konzentrieren wird. Wenige Leuten geben die Befehle, viele gehorchen. Wir können das in der Armee und der Polizei sehen, wo ein immenser Machtunterschied zwischen den Rängen besteht und wo Befehle ohne jedes Hinterfragen strickt ausgeführt werden müssen. Aber das trifft auch auf alle anderen Arme des Staates zu.

Aus diesem Grund wird sich jede Gruppe, die den Staat übernimmt, automatisch in der Position wiederfinden, die Menschen, die sie zu vertreten beansprucht, zu beherrschen, anstatt zu befreien. Das ist es eben, was Staaten tun. Ein Staat ist eine Maschine um Menschen zu kontrollieren und kann niemals etwas anderes sein. Er tut das nicht nur aufgrund der repressiven und manipulativen Institutionen, welche er steuert – obwohl diese viel wichtiger für ihn sind, als er uns glauben lässt. Er tut dies auch, weil der Staat immer hierarchisch organisiert ist und deshalb eher die Hierarchien innerhalb der Gesellschaft fördern wird, als sie zu zerstören.

Hierarchie

Hierarchie ist eines der Hauptwerkezeuge von Staat und Kapitalismus, um Menschen zu kontrollieren. Sie ist sowohl in den repressiven wie auch den manipulativen Armen des Staats angelegt, aber sie ist am zerstörerischsten, wenn sie verwendet wird, um Menschen zu manipulieren. Jedes System, das die Macht über andere in den Händen einer Minderheit bündelt, ist eine Hierarchie. Alle kapitalistischen Arbeitsplätze sind beispielsweise Hierarchien, mit Chefs an der Spitze und den anderen darunter. Oft gibt es winzige Unterschiede hinsichtlich der übernommenen Verantwortung, welche dazu führen, dass manche ein winziges bisschen Macht über die anderen bekommen. Vorstandsmitglieder beaufsichtigen Manager, die noch mehr Manager beaufsichtigen, die Aufseher beaufsichtigen, die noch mehr Aufseher beaufsichtigen, die letzendlich möglicherweise 6 Menschen für 10 Cent mehr die Stunde „leiten“.

Dies ist eine wichtige Art und Weise, wie der Kapitalismus Hierarchien erschafft und benutzt, um die Angehörigen der lohnabhängigen Klasse untereinander zu spalten. Wir bekommen ein wenig Macht übereinander, so dass wir schließlich lieber gegeneinander kämpfen als gegen die Bosse.

Es gibt jedoch auch Hierachien in der Gesellschaft, die nicht vom Kapitalismus geschaffen wurden und die ihre eigenständige Existenz und Geschichte haben. Die Unterdrückung von Frauen ist Tausende von Jahren alt und zeigt sich in verschiedenen Formen in hunderten verschiedenen Gesellschaften. Dieses System der Unterdrückung und Ausbeutung, das auf verschiedenste Arten Frauen unter die Herrschaft der Männer stellt, wird Patriachat genannt. Die Unterdrückung von LSBTTIQ-Menschen3, von allen, die nicht in die heterosexuelle, monogame Geschlechternorm passen, ist Jahrhunderte alt. Wenn diese nicht nur die Herrschaft über Menschen anstrebt, sondern auch die Auslöschung derer, die nicht der Norm entsprechen, ist sie sogar noch grausamer als das Patriarchat. Rassismus und Konstruktionen „des anderen“, wie z.B. innerhalb der weißen Vorherrschaft, sind zwar nicht so alt, aber nicht weniger schlimm, hinterlassen sie doch das Vermächtnis der Sklaverei und Ausbeutung, die das Leben von Millionen zerstört haben.

All diese Systeme der Unterdrückung und Ausbeutung und viele weitere müssen von denen, die darunter leiden, zu ihren eigenen Bedingungen und selbst bekämpft werden. So, wie nur die besitzlose Klasse gegen den Kapitalismus kämpfen kann, weil wir die sind, die direkt ausgebeutet werden, so können nur Frauen, LSBTTIQ-Leute und die von Rassismus Betroffenen Patriarchat, Heterosexismus und weiße Vorherrschaft zerstören. Wir können uns gegenseitig in diesen verschiedenen Kämpfen unterstützen, aber es ist entscheidend, dass die direkt Betroffenen Art und Struktur ihrer Gegenaktion betimmen. Selbständige Organisationen von Frauen, Schwulen, Schwarzen und ethnischen Minderheiten (die oft in Wirklichkeit Mehrheiten darstellen) sind absolut unerlässlich beim Widerstand gegen und der Zerstörung von verschiedenen Systemen der Hierarchie.

Wir sollten dennoch nicht vergessen, dass all diese Systeme der Unterdrückung zusammenwirken, um die Welt, wie wir sie kennen, zu bilden. Der Kapitalismus wurde vom Patriarchat aufgerichtet, welches wiederum die besitzlose Klasse spaltet – Männer gegen Frauen – manchen Macht über andere verleiht – Männer bekommen häufiger besser bezahlte Arbeiten und überwachende Tätigkeiten zugesprochen – und Leute dazu zwingt, unzählige Stunden von wichtiger aber unbezahlter Arbeit zu leisten – Hausarbeit und Kindererziehung sind für die Wirtschaft unerlässlich, werden aber meistens von Frauen kostenlos geleistet. Das Patriachat wird vom Kapitalismus gestützt, indem die Medien Stereotype von Frauen reproduzieren – um wiederum Kosmetik und Parfüm zu verkaufen – und indem Unternehmen die Rolle der Hausfrau erschaffen, um ungewollte Frauen vom Arbeitsplatz auszugrenzen, in schlechtere Arbeiten abzudrängen oder durch unbezahlte Care-Arbeit auszubeuten.4 Rassismus ermöglicht kapitalistischen Staaten die Invasion und Plünderung verschiedener Länder für Rohstoffe und um neue Märkte zu rechtfertigen und die Arbeiterklasse zu Hause zwischen weiß und schwarz, migrantisch und einheimisch aufzuspalten. All diese Formen der Ausbeutung und Unterdrückung, all diese Hierarchien, verstärken und beeinflussen sich gegenseitig, weshalb es unmöglich ist, sie unabhängig voneinander zu betrachten.

Aus diesem Grund ist es unmöglich, einfach nur den Kapitalismus zu bekämpfen oder nur den Rassismus oder nur den Sexismus und so weiter und so fort. Erfolge, die in einem Bereich erzielt werden, werden aus einem anderen heraus vernichtet. Zum Beispiel haben Frauenkämpfe für Gleichberechtigung bei der Arbeit oft dazu geführt, dass Frauen durch Hausarbeit und lange Arbeitsstunden doppelt belastet wurden. Die Rebellion der Schwarzen erzielte in den 1960ern politische Gleichheit, aber erschuf ebenso eine neue schwarze Führungsschicht, welche Teil der herrschenden Klasse wurde, während alle anderen zurückblieben.

Kapitalismus ist also mehr als nur ein Klassensystem. Die Macht der herrschenden Klasse liegt im Besitz der Produktionsmittel begründet, aber um diese Macht zu behalten, manipuliert diese eine ganze Serie von verschiedenen Systemen der Unterdrückung und Ausbeutung, also von verschiedenen Hierarchien. Diese Systeme geben manchen von uns aus der Arbeiterklasse mehr Macht als anderen und machen uns so zu Komplizen unserer eigenen Ausbeutung. Im 19. Jahrhundert gab es den Slogan: „Arbeiter der Welt vereinigt euch, ihr habt nichts zu verlieren außer euren Ketten.“ Die Art und Weise, wie der Kapitalismus, das Patriarchat, die weiße Vorherrschaft und die anderen Hierarchiesysteme miteinander funktionieren, führt dazu, dass das nicht stimmt. Diese Systeme geben großen Teilen der Arbeiterklasse ein klein wenig an Vorrechten. Das reicht aus, um sie gegen die Leute zu wenden, mit denen sie vereinigt sein sollten – reicht aus, um sie dazu zu bringen, die herrschende Klasse gegen die Forderungen von Frauen, LSBTTIQ-Leuten, Schwarzen und Angehörigen von ethnischen Minderheiten/Mehrheiten und so weiter zu verteidigen.

Um dies zu überwinden brauchen wir eine revolutionäre Bewegung, die aus vielen verschiedenen Organisationen besteht. Wir brauchen viele verschiedene Bewegungen, um die Kontrolle über unsere eigenen Leben zurückgewinnen zu können und wie wir die verschiedenen Unterdrückungsformen, die uns unten halten, bekämpfen können. Wir müssen die Gesellschaft und uns selbst vollständig umkrempeln. In der Anarchist Federation glauben wir, dass die Ideen des Anarchistischen Kommunismus die besten Möglichkeiten bieten, genau das zu tun. Im nächsten Abschnitt legen wir diese Ideen dar.

3. Wer wir sind und
was wir glauben: Revolution und Anarchistischer Kommunismus!

Revolution und Revolutionäre

Revolutionäre sind davon überzeugt, dass die Gesellschaft, in der wir leben, grundsätzlich ungerecht und unfair ist. Es ist nicht nur eine Sache gerade dieser Ungerechtigkeit oder jener Unfairness – es ist das gesamte System, die Art und Weise, wie die Gesellschaft funktioniert, welche ungerecht und unfair ist. Armut, Krieg, Rassismus, Sexismus und all die anderen Probleme, denen wir ausgesetzt sind, sind nicht die Ausnahme der Regel – sie sind die Regel. Kapitalismus kann nicht existieren ohne Armut zu erzeugen, ohne Kriege zu führen, ohne Menschen aufgrund ihres Geschlecht oder ihrer Hautfarbe zu unterdrücken.

Wir glauben, dass der Kapitalismus zerstört und die neue Gesellschaft, eine anarchistisch-kommunistische Gesellschaft, erschaffen werden muss und wird. Das ist die Revolution. Sowohl die Zerstörung dessen, was jetzt existiert, wie auch der Aufbau von etwas Neuem ist Teil der Revolution. Als Revolutionäre arbeiten wir daran, zu beidem zu ermutigen: Wir unterstützen Leute, die die Mächtigen herausfordern genauso wie Leute, die versuchen, Alternativen aufzubauen.
Weil Kapitalismus von Grund auf unfair und ungerecht ist, glauben Revolutionäre nicht daran, ihn durch Reformen nach und nach zu verändern. Das ist das, was wir mit „Reformismus“ meinen. Das heißt nicht, dass ein Mindestlohn oder ein kürzerer Arbeitstag oder das Recht auf Abtreibung bei Bedarf nicht wichtig sind. Diese Reformen und viele weitere haben das Leben der einfachen Leute verbessert. Revolutionäre wollen nicht sagen, dass das Leben sich seit dem viktorianischen Zeitalter5 nicht verbessert hat – das wäre dumm. Was wir sagen wollen sind zweierlei Dinge.
Erstens ist keine Reform von Dauer. Jede Reform kann und wird von Politiker_innen und Chefs zurückgenommen werden, sobald sie die Möglichkeit dazu haben. Die Angriffe auf die Bürgerrechte, auf dieArbeitsbedingungen und auf die öffentlichen Dienstleistungen, die wir von Zeit zu Zeit sehen, sollten außreichen, um das zu beweisen.

Zweitens werden Reformen von Regierungen nur dann durchgeführt, wenn sie Angst vor etwas Schlimmerem haben: einer Massenbewegung von gewöhnlichen Leuten der lohnabhängigen Klasse. Immer wieder mussten sich Millionen von Menschen zusammenschließen, um auch nur die grundlegendsten Reformen durchzusetzen. Der Zehnstundentag, Rechte für Frauen und Kinder, sogar der Sozialstaat – sie alle stellen durch Massenbewegungen von Regierungen abgerungene Zugeständnisse dar. Es gibt nichts, wovor sich Regierungen so sehr fürchten wie davor, dass wir sie nicht länger beachten und einfach selbst ihre Angelegenheiten in die Hand nehmen. Direkte Aktion ist, wenn Leute selbstständig handeln, ohne auf die Erlaubnis von irgendeiner höheren Autorität zu warten. Regierungen werden fast alle Zugeständnisse machen, um solche Bewegungen aufzuhalten.

Deshalb werden Revolutionäre oft als Utopist_innen angegriffen, als würden sie sich unrealistische, perfekte Welten ausmalen, die niemals wahr werden könnten. „Ihr solltet praktikabel sein“, sagt man uns. „Konzentriert euch auf Ziele im Hier und Jetzt und nicht auf fantastische Luftschlösser in der Zukunft!“ Wenn Leute soetwas sagen, wenn sie uns erzählen, wir sollten „praktikabel“ oder „realistisch“ sein, meinen sie normalerweise, dass wir unsere Grundsätze aufgeben sollen. Regierungen über Regierungen greifen öffentliche Dienstleistungen im Namen des „Pragmatismus“ an. Die Gewerkschaften verkaufen sich an die Firmenleitungen, weil es „praktikabel“ ist. Autoritäre Revolutionäre wie die Socialist Workers Party belügen ihre Mitglieder und die Öffentlichkeit, weil sie „realistisch“ sind6.

Wenn es das ist, was „pragmatisch sein“ bedeutet, dann wäre es schon genug, um es abzulehnen. Aber da gibt es noch mehr als das. Auf diese Weise „praktikabel“ zu sein, also Kompromisse und Deals mit den Chefs und Politiker_innen zu machen, ist ein todsicherer Weg, um gerade das nicht zu bekommen, was wir wollen. Wie wir immer wieder gesehen haben, führt jeglicher Deal, der mit dem Kapitalismus gemacht wird, zwingendermaßen zu einem Rückschlag. Du machst keinen Fortschritt, indem du mit den Chefs verhandelst. Du machst Fortschritte, indem du ihnen Angst machst. Anarchistische Kommunisten glauben, dass es besser ist, für das zu kämpfen, was wir wollen, auch wenn wir es nicht direkt erreichen sollten, als für etwas zu kämpfen, was wir gar nicht wollen und das aber wiederum zu erreichen.

Massenbewegungen, die auf der Grundlage ihrer eigenen Bedürfnisse Forderungen stellen, sind für die herrschende Klasse viel furchteinflößender als noch so viele jammernde Bürokraten, die „realistisch“ sind und nett um ein paar Krümel vom Tisch der Chefs bitten. Wir wollen keine Krümel, wir wollen die ganze Mahlzeit, und die Küche die sie gekocht hat, das Haus in dem sie serviert wurde, die Felder auf denen sie gewachsen ist, die Fabriken, in denen die Teller hergestellt wurden und so weiter und so weiter. Wir weigern uns, nett um Dinge zu bitten, die uns schon längst gehören. Das ist nicht nur eine Frage der Grundsätze – es ist praktikabel. Leute, die nach Krümeln betteln, bekommen nichts anderes und oft nichteinmal das. Wenn wir aber daran arbeiten uns zu nehmen, was bereits uns gehört, dann ist die herrschende Klasse dazu gezwungen, weitaus mehr Zugeständnisse zu machen als ein paar lumpige Krümel.

Anarchismus und Anarchist_innen

„Anarchismus“ meint eine Ansammlung von revolutionären Ideen, die es in der einen oder anderen Form seit Jahrhunderten gibt. Im Kern sind sie sehr einfach. Anarchist_innen sind überzeugt, dass Leute sehr wohl in der Lage sind, nach sich selbst zu schauen. Kein Führer kann besser wissen was du willst als du selbst. Keine Regierung kann die Interessen einer Community besser kennen als die Community selbst. Wir finden, dass jede und jeder an den Entscheidungen teilhaben sollte, die sie oder ihn betreffen, sowohl bei der Arbeit, als auch in der Community oder zu Hause. Nur so können wir eine faire und gerechte Gesellschaft erschaffen, wo jede und jeder die Möglichkeit zu wirklicher Selbstentfaltung hat.

Die Gesellschaft funktioniert heute offensichtlich nicht auf diese Weise. Bei der Arbeit machen wir, was uns gesagt wird oder werden gefeuert. Zu Hause schnüffeln die Polizei, die Steuereintreiber und andere Schergen des Staates in unseren Angelegenheiten herum und sagen uns, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir treffen keine Entscheidungen darüber, wie wir arbeiten, wo unsere Steuern hinfließen, welche Gesetze erlassen werden und so weiter.

Für uns Anarchist_innen bedeutet die Revolution, die Kontrolle über unsere eigenen Leben zurückzuerlangen. Für uns gibt es zwei Formen des politischen Wirkens, die hierfür eine Schlüsselposition einnehmen: direkte Aktion und Selbstorganisierung. Direkte Aktion findet dann statt, wenn diejenigen, die unmittelbar von etwas betroffen sind, selbst dagegen vorgehen, anstatt andere darum bitten, es für sie zu tun. Ein Streik, der die Unternehmensleitung mit der Bedrohung der Produktionsausfälle zu Zugeständnissen zwingt, ist direkte Aktion, wohingegen Lobbyarbeit bei Parlamentsabgeordneten und Gewerkschaftsverhandlungen es wiederum nicht sind. Ungenutztes Land zu besetzen und es zu einem Gemeinschaftsgarten zu machen ist direkte Aktion, wogegen es eben keine ist, den Stadtrat unter Druck zu setzen, freie Grundstücke zu vergeben. Wenn wir für etwas, das wir brauchen, selbst zu handeln beginnen, dann ist das direkte Aktion – ob es nun das Teilen von Essen untereinander ist oder das Bekämpfen der Polizei in einer Straßenschlacht.

Damit direkte Aktion wirksam sein kann, braucht es also die Selbstorganisierung. Damit meinen wir das Organisieren ohne Anführer_innen oder falsche „Stellvertreter_innen“. Es erlaubt normalen Leuten, sich die Macht zurückzunehmen und ihre eigenen Entscheidungen zu fällen. Selbstorganisation erlaubt uns, die Hierarchien, die uns trennen, niederzureißen und zu überwinden. In selbstorganisierten Gruppen haben alle gleichermaßen das Sagen und niemand hat das Recht, andere zu vertreten. Diese Art Gruppe ist dazu fähig, über ihre eigenen Bedürfnisse zu entscheiden und direkte Aktionen hervorzubringen, um diese auf eine Art und Weise zu erfüllen, wie es keine auf Stellvertreter_innen aufgebaute hierarchische Gruppe, keine Partei und keine Gewerkschaft vermag. Deshalb lehnen wir es ab, mithilfe des Staates, also der Regierung, des Parlaments, der Gerichte, der Polizei und so weiter, eine Revolution herbeiführen zu wollen. Ich kann dich nicht befreien! Wir alle müssen uns selbst befreien, indem wir zusammen vorgehen. Keine Regierung, nicht mal eine „sozialistische“ oder „revolutionäre“, kann das tun. Jede Gruppe oder Partei, die den Staat übernimmt, wird einfach eine neue Riege von Führern zeitigen, die uns dann im Namen des „Sozialismus“ anstatt im Namen des „Kapitalismus“ ausbeuten wird. Das ist im sogenannten „kommunistischen“ Russland passiert. Nur indem wir den Staat zerstören, nicht indem wir ihn übernehmen, können wir uns selbst befreien. Für Anarchist_innen sind direkte Aktion und Selbstorganisierung grundlegende Werkzeuge der Selbstbefreiung. Auf diese Weise können die Menschen der lohnabhängigen Klasse den Problemen in ihren eigenen Leben auf eine kollektive Art gegenübertreten. So ist es uns möglich, gegen das ganze System des Kapitalismus zusammenzuarbeiten, ebenso wie gegen seine Versuche, uns zu spalten.

Anarchistischer Kommunismus

Diese Ideen wurden nicht einfach aus der Luft gegriffen. Sie wurden von Millionen von Menschen über die letzten Jahrhunderte entwickelt, während sie gegen ihre Ausbeutung kämpften. Diese Tradition beschrieb sich selbst oft, aber nicht immer, als kommunistisch. Anarchistischer Kommunismus ist eine lebendige Arbeiterklassentradition, welche während der Geschichte des Kapitalismus durchgehend funktionierte – im großen Stil und im kleinen. Sie entstand und entsteht nicht aus den abstrakten Ideen einiger Intellektueller, sondern aus den konkreten Aktionen von Millionen von Menschen.

Viele bringen das Wort Kommunismus nur mit der Tyrannei Sowjetrusslands oder der sogennanten kommunistischen Volksrepublik China in Verbindung. Diese Gesellschaften gehörten und gehören zu den schlimmsten Gewaltherrschaften, die die Welt je gesehen hat und Millionen von Menschen starben in ihnen durch Hunger, Krieg und Hinrichtungen. Als Anarchist_innen vergessen wir nicht die Gefangenlager, die Sklavenarbeit, die ungerechten Verfahren und Hinrichtungen – schließlich waren Anarchist_innen oft die ersten, die unter diesen Angriffen litten.

Im Gegensatz zur Presse jedoch, die das Beispiel der „kommunistischen“ Sowjetunion heranzieht, um zu behaupten, revolutionärer Wandel wäre unmöglich, weigern sich Anarchist_innen ebenso, die Millionen von einfachen Menschen zu vergessen, die in Russland und überall auf der Welt im Namen des echten Kommunismus gegen die Tyrannei gekämpft haben. Diese Menschen organisierten sich selbst, ohne Oberhaupt, in Gruppen mithilfe direkter Demokratie. Das bedeutet, dass alle gleichermaßen das Sagen darüber hatten, wie die Dinge laufen sollten. Sie verwendeten direkte Aktionen, erst gegen Staat und Kapital und später gegen die neue Tyrannei der Sowjets.

Der echte Kommunismus, für den sie kämpften, ist die Ausweitung dieser Wirkweise auf jeden Aspekt des Lebens. Die kommunistische Parole: „Jede_r nach seinen Fähigkeiten, jedem und jeder nach seinen Bedürfnissen!“ fasste diese Idee zusammen. Niemandem sollte es an etwas fehlen, das gebraucht wurde. Individuen erhalten Güter und Dienstleistungen je nach dem, wie sehr sie diese brauchen und nicht danach, wieviel sie dafür bezahlen können oder wieviel sie davon verdienen. Die Menschen wiederum geben es der Gesellschaft durch die Arbeit zurück, die sie tun wollen und tun können. Es wird die Möglichkeit geben, interessante und kreative Arbeit zu verrichten, anstatt dass dies nur einer Minderheit offen steht, während alle anderen in langweiligen, mühsamen Arbeitsverhältnissen feststecken müssen.
Diese Gesellschaft wird durch lokale Kollektive und Räte organisiert – Selbstorganisierung, um die Entscheidungen zu treffen, die getroffen werden müssen und die Arbeit zu tun, die getan werden muss. Alle können bei den Entscheidungen mitreden, die sie betreffen. Wir glauben, dass wir, wenn wir für eine solche Zukunft kämpfen, für die umfassende Freiheit und Gleichheit aller kämpfen. Nur so bekommen alle die Möglichkeit, zu sein, was sie auch sein wollen.

Es sind diese vielen Beispiele von Menschen, die sich auf eine solche Weise organisieren und Widerstand leisten, was wir eine kommunistische Tradition nennen. Die Arbeiterräte des revolutionären Spaniens, Deutschlands, Russlands, Ungarns, Frankreichs, Mexicos und so weiter und so weiter sind die Beispiele, die wir in Betracht ziehen, wenn wir überlegen, wie wir uns befreien können und wie wir den Kapitalismus bekämpfen können. Immer wieder hat die Welt einfache Leute gesehen, die direkte Aktion, Selbstorganisation und direkte Demokratie in die Tat umsetzten, um selbst neue Gesellschaften und Lebensformen aufzubauen. Auf den Ideen und Erfolgen dieser Leute versuchen wir, unsere heutigen Kämpfen gegen Ausbeutung aufzubauen.
Anarchistischer Kommunismus ist mehr als eine abstrakte Vision der Zukunft und es ist mehr als Nostalgie für die revolutionären Bewegungen der Vergangenheit. Es ist eine lebendige Arbeiterklassentradition, welche im hier und jetzt die Grundlagen für die Zukunft legt. Alles, was wir nach dem Kapitalismus sein werden, müssen wir unter seiner Herrschaft lernen und durch den Kampf gegen ihn. Die Revolution ist kein unbeschriebenes Blatt und kann niemals eines sein; dafür liegen zuviele Tote des „revolutionären“ Terrors in Frankreich, Russland, China und so weiter begraben. Stattdessen muss die Revolution aus den Materialien gemacht sein, welche die heute lebenden Menschen zur Hand haben.

Ziele und Mittel

Der wichtigste Teil der Arbeiterklassentradition, den wir Kommunismus nennen, ist die Weigerung, zwischen Zielen und Mitteln zu unterscheiden. Die Organisation, die wir aufbauen, während wir den Kapitalismus bekämpfen, wird die Basis für alles sein, was nach der Revolution kommen wird. Wenn diese Organisationen nicht die Gesellschaftsprinzipien beinhalten, die wir anstreben, dann wird diese Gesellschaft nicht zustande kommen.

Wenn wir eine Zukunft wollen, in der alle an den Entscheidungen teilhaben, die sie betreffen, dann müssen wir auch jetzt Organisationen aufbauen, in denen eben das passiert. Die Anarchist Federation ist eine solche Organisation. Diese „Vorgestaltung“, wie das eben Erläuterte genannt werden kann, ist einer der zentralen Gedanken des Anarchismus. Die wichtige Parole „eine neue Gesellschaft in der Hülse der alten aufbauen“, fasst diesen Gedanken zusammen. Das heißt, dass wir nicht einfach nur gegen den Kapitalismus kämpfen. Wir kämpfen auch dafür, so weit es möglich ist, jetzt schon so zu leben, wie wir es uns wünschen und so Alternativen zum Kapitalismus vor seiner Nase aufzubauen.

In Sachen Organisierung heißt das, dass wir versuchen, wo auch immer wir uns einbringen, die jeweilige Gruppe in Richtung direkter Demokratie und voller Einbindung aller Beteiligten in die Entscheidungen zu bewegen. Egal, ob es eine Wohnviertelorganisierung oder eine politische Kampagne ist, ein Streikausschuss oder ein Gartenkollektiv, wir drängen auf eine Organisierung ohne Anführer und Hierarchien. Wir glauben nicht nur, dass dadurch die Gruppen ihre direkten Ziele effektiver erreichen können, sondern auch, dass dadurch das Selbstvertrauen der Beteiligten wächst und ihnen so das Werkzeug in die Hand gegeben wird, auch in anderen Bereichen ihres Lebens Widerstand zu leisten.
Durch viele verschiedene Kämpfe und viele verschiedene Organisationen erzeugt dies eine breite Kultur des Widerstands unter gewöhnlichen Leuten. Revolutionäre Kämpfe werden von Menschen ausgehen, die in einer solchen Kultur gefestigt sind. Dennoch hat eine solche Vorgestaltung ihre Grenzen. Alternativen zum Kapitalismus hier und jetzt aufzubauen, heißt für viele Menschen eines von zwei Dingen. Das eine ist eine lebensstilbezogene bzw. individualistische Antwort bzw. der Versuch einer Dual-Power-Situation. Obwohl die Anarchist Federation oft mit diesen Ansätzen sympathisiert und sie nicht vollständig zurückweist, glauben wir nicht, dass sie alleine zu einer Revolution führen können. Außerdem gibt es von unserer Seite an beiden ernstzunehmende Kritik.

Die Grenzen der Vorgestaltung:
Politik des Lebensstils

Die Labels „Lifestylist“ oder „Individualist“ werden häufig gebraucht. Oft unfair und als Beleidigung, weshalb wir sehr vorsichtig sein müssen, wenn wir sie gebrauchen. Wenn wir über Politik des Lifestyles oder Lebensstils sprechen, dann sprechen wir über eine Form der Politik, die sich darauf konzentriert, auf eine Art aus dem Kapitalismus „auszubrechen“, „auszusteigen“ und zu leben, ohne auf die kapitalistische Ausbeutung angewiesen zu sein. Das kann vieles bedeuten. Im kleinen Rahmen kann das bedeuten, in besetzten Häusern zu wohnen und vom Stehlen in Supermärkten oder von den noch sehr guten Lebensmitteln zu leben, die von diesen weggeworfen werden, bekannt als „containern“. Oder es kann in viel größerem Stil betrieben werden, wie in einem Gemeinschaftsgarten oder einer Landkommune.

Die Beweggründe für solcherlei Dinge sind sehr gut. Sie sehen das Leid, welches der Kapitalismus jeden Tag erzeugt und wollen kein Teil davon sein. Sie versuchen, indem sie stehlen oder das nehmen, was weggeworfen wird, aufzuhören, die Chefs weiter zu unterstützen, die uns und Menschen in aller Welt ausbeuten. Indem sie zurück aufs Land gehen und in Bezug auf Nahrung und Energie als Selbstversorger_innen leben, versuchen sie, mit so wenigen Verbindungen zum globalen Kapitalismus wie möglich zu leben. Dazu bedeutet diese Art von politischem Lifestyle oft auch das Aufbauen und Leben in Communities, die auf Solidarität und gegenseitigem Respekt gegründet sind. Viele, die in diesem Bereich tätig sind, würden sagen, dass genau das mit der Parole „eine neue Gesellschaft in der Hülse der alten aufbauen“, gemeint ist.

Während wir viele Leute respektieren, die diese Entscheidungen der persönlichen Lebensführung für sich treffen, verwerfen wir diese jedoch als eine nützliche Form der politischen Aktion. Der Hauptgrund dafür ist der, dass es nichts ist, in das sich die Mehrheit der Leute einfach einbringen kann. Diejenigen von uns mit erheblichen Schulden, Abhänigkeiten, Gesundheitsproblemen oder einer von unendlich vielen anderen Begrenzungen ihrer Handlungsfreiheit, finden es sehr schwer, wenn nicht unmöglich, „auszusteigen“. Es ist unmöglich, eine Massenbewegung des Lifestylismus aufzubauen. Tatsächlich versucht der Lifestylismus gar nicht, den Kapitalismus zu stürzen oder zu zerstören, er versucht nur, seine eigenen Hände vom Blut reinzuwaschen. Es gibt wirklich ein enormes politisches Problem mit den Lifestyleantworten auf den Kapitalismus. Oft führt diese Form der Politik zu einer Art Elitismus und Arroganz auf Seiten derjenigen Leute, die einen „politischen“ Lebensstil führen. Einfache Leute werden dann zu „StiNos“, Stinknormalen7, denen von ihrem Job und den Medien hoffnungslos das Gehirn gewaschen wurde und die genauso ein Teil des Problems sind wie die Leute, denen die Wirtschaft gehört und die sie beherrschen. In seiner extremsten Formen, wie im Primitivismus, führt es Leute zu einem offenen Aufruf, die Mehrheit der Menschheit auszulöschen und zu einem Jäger-Sammler-Leben zurückzukehren. Diese Art von Einstellung ist keine unausweichliche Konsequenz des Aussteigertums, aber sie ist sehr verbreitet (vorallem im englischsprachigen Raum, Anm.d.Üb.) und eine Folge aus einer individualistischen Sichtweise auf den Kapitalismus. Aber der Kapitalismus beutet uns nicht als Individuen aus, sondern als Gruppen oder Klassen. Wir werden als Arbeiter_innen ausgebeutet, als Frauen, als nichtweiße Minderheiten oder sogar Mehrheiten. Wir werden als Queers oder Transgeschlechtliche unterdrückt, als Berufstätige mit ein paar Zulagen, oder als Zeitarbeiter_innen ohne diese, als „Konsument_innen“ im Westen und als verfügbare Reservearbeitskräfte im globalen Süden.

Wenn wir auf den Schaden, den der Kapitalismus uns zufügt, als Individuen antworten, dann ist die einzige logische Antwort, zu verzichten. Du lebst ohne eine Arbeitsstelle, ohne einzukaufen, ohne von dem uns umgebenden System der Ausbeutung abhängig zu sein. Wenn das unmöglich ist, verringerst du die Auswirkung auf ein Minimum. Du holst dir einen „ethisch korrekten“ Job, kaufst „ethisch korrekte“ Produkte und reduzierst deinen Beitrag zur Ausbeutung auf diese Weise. Von dort aus ist es nur noch ein kleiner Schritt dazu, die Leute zu diffamieren, die nicht so „aufgeklärt“ sind wie du, die den Kapitalismus am Laufen halten, weil sie „sich weigern“, zu verzichten.

Wenn du aber als Mitglied einer breiteren, ausgebeuteten Klasse auf den Kapitalismus antwortest, dann ist die logische Antwort eine kollektive. Du zeigst deine Solidarität mit Leuten, die in derselben Situation wie du stecken, du kämpfst an Ort und Stelle für bessere Bedingungen und für mehr Mitsprache über deine Lebensbedingungen. Eine kollektive Antwort wie diese ist immer oppositionell. Sie muss immer den Kapitalismus konfrontieren anstatt einen Weg zu finden, um ihn herum zu lavieren. Sie ist der mögliche Anfang einer Massenbewegung und die Grundlage für eine neue Gesellschaft, die auf der Anerkennung unserer gemeinsamen Interessen beruht.

Letztlich hat die herrschende Klasse davor Angst und nicht, dass Leute aussteigen könnten. Dafür wollen wir Wege aufzeigen.

Die Grenzen der Vorgestaltung:
Duale Macht

Der zweite typische Ansatz der vorgestaltenden Politik ist der Versuch, eine duale Macht aufzubauen. Das bedeutet Organisationen im Hier und Jetzt aufzubauen, die eines Tages den Kapitalismus ersetzen werden. Diese können alles Mögliche sein, von verschiedenen Kooperativen, die versuchen auf nicht-hierarchische Weise Dinge zu produzieren oder zu verkaufen, bis hin zu revolutionären Massengewerkschaften, die darauf abzielen, den Industriebetrieb zu übernehmen.

Durch den Aufbau von Organisationen, so die Idee, in denen Leute jetzt ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, kann ein Punkt der „dualen Macht“ erreicht werden. Das wäre dann eine Situation, in der sowohl der Kapitalismus als auch eine mögliche Alternative dazu nebeneinander herlaufen, wo also zwei Systeme der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Organisation in direkter Konkurrenz zueinander stehen. Für Leute, die so argumentieren, ist das die Art und Weise, wie die Revolution ablaufen wird. Die Menschen bauen eine Alternative auf, zu der immer mehr Menschen überwechseln, bis sie stark genug ist, um den Kapitalismus unmittelbar zu konfrontieren und zu ersetzen.
Es gibt viele verschiedene Ansätze der dualen Macht. Manche wollen ein Beispiel geben, welches von anderen Leuten aufgegriffen, vielleicht sogar staatliche Politik werden kann. Die Transition Town Bewegung oder verschiedene Bewegungen alternativer Erziehung etwa funktionieren auf diese Weise. Sie sind selten konfrontativ und sehen sich selbst eher als reformistisch denn als revolutionär. Aber auch sie sehen die Notwendigkeit, eine alternative Basis der Macht außerhalb von Staat und Kapital aufzubauen.

Andere streben danach, durch Kooperativen, Genossenschaftsbanken, lokalen Handelssystemen (Tauschringe oder Alternativwährungen) und so weiter ganze alternative Ökonomien aufzubauen. Diese könnten, so wird argumentiert, den Punkt erreichen, an dem sehr viele Menschen außerhalb der kapitalistischen Ökonomie leben. Leute, die in dieser Tradition aktiv sind, nennen sich oft, aber nicht immer, Mutualist_innen.8

Eine Variation dieser Idee sieht eher im Aufbau alternativer Zentren von mehr politischer als ökonomischer Macht das Schlüsselmoment. Dabei gibt es zwei Haupttraditionen. Die einen konzentrieren sich im Aufbau von Stadtteilversammlungen, in denen lokale Entscheidungen getroffen werden. Die anderen versuchen, über Wahlen die Rathäuser und Gemeinderäte zu übernehmen. Diese Leute bezeichnen sich oft, aber wieder nicht immer, als Munizipalist_innen.

Andere konzentrieren sich darauf, revolutionäre Gewerkschaften aufzubauen, welche der Betriebsleitung am Arbeitsplatz gegenübertreten, um unmittelbare Erfolge zu erzielen. Ebenso wichtig ist bei diesen, dass sie durch eine Form der direkten Demokratie geleitet werden, um Arbeiter_innen darin zu üben, Entscheidungen zu treffen und sich zu organisieren. Diesen Gewerkschaften wird zugetraut, die gesamte Industrie zu übernehmen und dabei den Kapitalismus vollständig abzuschaffen. Dieses Vorgehen wird üblicher Weise als Syndikalismus bezeichnet.

All diese Ansätze, und sie lassen sich oft kombinieren, versuchen politische und ökonomische Alternativen zum Kapitalismus direkt vor seiner Nase aufzubauen. Sie argumentieren, diese Alternativen seien dazu in der Lage, bis zu dem Punkt zu wachsen, an dem entweder der Kapitalismus verkümmert oder es zu einer Konfrontation zwischen den beiden Systemen kommt, welche zu einer Revolution und der Zerschlagung des Kapitalismus führen könnte.

Wir sehen viel gutes in diesen Ansätzen. Sie ermutigen einfache Leute zur Selbstorganisation und zur direkten Aktion. Sie ermöglichen den Beteiligten, wichtige Lektionen in der Zusammenarbeit und Erfahrungen mit direkter Demokratie zu sammeln. Die Anarchist Federation verwirft keinen dieser Ansätze kurzerhand und ihre Mitglieder engagieren sich oft selbst in solchen Projekten.

Dennoch gibt es wichtige Schwachpunkte dieser Ansätze, die ihre Nützlichkeit begrenzen. Denn diese Art von Projekten sind sehr anfällig für Angriffe durch den Staat. Es können Gesetze erlassen werden, die die meisten Kooperativen illegalisieren oder zumindest deren Aufbau sehr erschweren. Den Stadtteilversammlungen können Resourcen verweigert werden oder sie können sogar von der Polizei oder der Armee angegriffen werden. Leute, die eine Strategie der dualen Macht verfolgen, sind oft überoptimistisch, was ihre Fähigkeit angeht, Repression zu vermeiden. Aber Staat und Kapital tendieren dazu, jede Gefahr für sie eher früh denn spät anzugreifen.

Es sind jedoch nicht die direkten Angriffe des Staats, welche die größten Probleme der Strategien dualer Macht darstellen. Das größte Problem ist das Risiko der Vereinnahmung. Damit ist gemeint, dass Bewegungen und Organisationen, die versuchen eine Alternative anzubieten, oft vom Kapitalismus „erobert“ werden. Sie werden zu einem Teil des Kapitalismus, anstatt einer Alternative zu ihm, sie helfen bei der Organisation der Ausbeutung der Menschen, anstatt diese zu beenden. So werden zum Beispiel Kooperativen selbst zu Arbeitgeber_innen9, volle Mitglieder der Kooperative werden zu Manager_innen und neue Angestellte zu Arbeiter_innen wie alle anderen auch10. Stadtteilgruppen werden von der Stadtverwaltung zu Verhandlungen eingeladen, bekommen Gelder und Zugang zu etwas Macht und enden dann damit, die Stadtratspolitik zu verwalten, welcher sie ursprünglich entgegentreten wollte. Hausprojekte werden Vermieter, Genossenschaftsbanken werden Banken (in UK wie in der BRD begannen Wohnbauunternehmen oft als Wohngenossenschaften), auch syndikalistische Gewerkschaften verhandeln mit der Betriebsleitung und gehen hart gegen wilde Streiks vor. Einfache Leute, die zu Beginn versuchen, Alternativen aufzubauen, werden am Ende das, was sie hassen.

Jede mögliche Alternative im Hier und Jetzt wird gezwungen sein mit den Dingen umzugehen, welche sie ersetzen will. Ein Kooperativladen wird seine Waren vom kapitalistischen Anbieter kaufen müssen. Eine Stadtteilversammlung wird mit der Stadtverwaltung verhandeln müssen, wenn sie Ressourcen zur Verfügung haben will. Sogar syndikalistische Gewerkschaften, was eine sehr konfrontative Art zu Arbeiten darstellt, werden sich gezwungen sehen, mit der Betriebsleitung zu verhandeln.
Das heißt nicht, dass wir all diese Arten zu kämpfen vollständig ablehnen sollten. Aber es heißt, dass keiner dieser Wege alleine den Weg zur Revolution darstellt. Anstatt dass wir diese Arten der Kämpfe als Möglichkeiten sehen, den Kapitalismus zu ersetzen, sollten wir beginnen, sie als Möglichkeiten unter vielen anderen Möglichkeiten zu sehen, um eine Kultur des Widerstandes aufzubauen. Es ist nicht wichtig, eine spezielle Organisation aufzubauen – das Aufbauen einer solchen Kultur aber ist es durchaus!

Eine Kultur des Widerstandes

Anarchistische Kommunist_innen sind überzeugt, dass Menschen sehr wohl dazu in der Lage sind, nach sich selbst zu schauen. Wir denken, dass jeder Mensch an Entscheidungen teilhaben sollte, die ihn betreffen und dass alle grundsätzlich dazu fähig sind, komplexeste Entscheidungen zu treffen, die nötig sind, um die Gesellschaft am Laufen zu halten. Wir glauben, dass diese Entscheidungen besser sein werden, als die von Eliten getroffenen, weil es Entscheidungen sein werden, die die Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft berücksichtigen und nicht nur die einer kleinen Minderheit von Ausbeuter_innen.

Außerdem denken wir, dass die einzigen Menschen, die in der Lage sind, den Kapitalismus zu zerstören und eine Welt zu erschaffen, in welcher jede_r die Kontrolle über das eigene Leben hat, diejenigen sind, die heute direkt vom Kapital ausgebeutet werden. Wie wir gezeigt haben, weiß das die herrschende Klasse und arbeitet sehr hart daran, die lohnabhängige Klasse in ihrer Spaltung gefangen zu halten, ebenso wie in ihrem Zustand des Mangels an Fertigkeiten, die sie braucht, diesen Zustand aufzuheben. Damit eine Revolution möglich wird, muss all das überwunden werden. Wir müssen eine „neue Gesellschaft in der Schale der alten“ erschaffen. Die Geschichte jedoch lehrt uns, dass Organisationen, die von Mitgliedern der lohnabhängigen Klasse aufgebaut wurden, oft vereinnahmt und gegen sie gewendet wurden. Gewerkschaften, Genossenschaftsbanken, Handels- und Produktionsgenossenschaften – das alles und mehr wurde verwendet, um den Kapitalismus eher zu verteidigen als zu zerstören.
Autoritäre Revolutionär_innen missbrauchen diese Probleme als Ausrede, die Macht zu übernehmen. Sie behaupten, die lohnabhängige Klasse sei nur zu „gewerkschaftlichem Bewusstsein“11 fähig, also dazu, über Löhne und Vergünstigungen zu verhandeln, anstatt den Kapitalismus umzustürzen und etwas Neues zu aufzubauen. Was nötig sei, so behaupten sie, sei Führung. Sie würden die Ursache der Revolution sein und tretend und brüllend die armen, dummen Massen ins Licht führen. Die Geschichte zeigt uns, dass genau das zu neuen Tyranneien geführt hat.

Mensch kann sich die Alternative auch deshalb so schwer vorstellen, weil sie in der kapitalistischen Welt ganz bewusst abgeschwächt und versteckt wird. Die Alternative ist eine Kultur des Widerstands, eine Reihe von solidarischen Bindungen und Übereinkommen von vielen verschiedenen Menschen an vielen verschiedenen Orten der Welt. Diese neuen Beziehungen statten sie mit Vertrauen und Hilfsmitteln aus, die sie brauchen, um zurückzuschlagen, wo immer sie auch sein mögen. Diese Kultur wird der Haufen Zunder sein, aus dem die Funken der einen oder anderen Auseinandersetzung eine Flamme schlagen werden, der es möglich sein wird, sich auszubreiten. Mit Hilfe einer solchen Kultur scheinen revolutionäre Situationen aus dem Nichts zu kommen und sowohl Regierungen als auch professionelle Revolutionär_innen gleichermaßen zu überraschen. Diese Kultur ist nicht eine bestimmte Organisation oder eine Reihe von Prinzipien oder irgendetwas derartiges.
Sie setzt sich aus vielen verschiedenen Organisationen zusammen, aber vor allem aus Ideen, Handlungsweisen und Einstellungen, die uns unsere Macht als ausgebeutete aber notwendige Teile des kapitalistischen Systems bewusst machen. Bei dieser Kultur geht es viel mehr um das Selbstbild und das Selbstvertrauen von gewöhnlichen Leuten als um irgendein bestimmtes Ideenbündel oder bestimmte Organisationen.

Das klingt alles sehr nett und ist dazu angetan, der Stoff von rührenden Reden und Artikeln zu werden, kann aber auch etwas schwammig und vage sein. Es ist eine Tatsache, dass die Revolutionen der Vergangenheit selbst diejenigen überrascht haben, die an ihnen teilnahmen und die oft aus dem Nichts gekommen zu sein schienen. Frauen, die wegen des Brotpreises auf die Straße gingen, hätten nie erwartet, dass sie damit einige Monate später den Zar stürzen würden. Studierende, die in den 60er Jahren in Frankreich dagegen protestierten, wie die Universität geführt wurde, hätten nie erwartet, Teil einer Millionenbewegung zu werden. Und trotzdem ist genau das und noch viel mehr in unzähligen Fällen passiert.

Es ist verführerisch, eine Kultur des Widerstandes nur vage zu definieren, um dieser Tatsache gerecht zu werden. Wir können sie als eine Art Nährboden für Revolutionen bezeichnen, auf den die Überreste von kleineren sozialen Kämpfen fallen und diesen dadurch düngen, bis er reich und schwarz genug ist, dass auf ihm die unbändigen Sprossen eines Aufstandes aufkeimen. Das ist aber nicht genug. Ein Denken in Abstraktionen und Metaphern versteckt so auch die echten Aktivitäten von echten Menschen, die eine Kultur des Widerstands aufbauen. Wir müssen konkreter sein, um dem Kampf von Millionen gewöhnlicher Menschen wirklich gerecht zu werden.

Eine Kultur des Widerstandes ist in gewisser Weise die Summe all derjenigen Dinge, die getan werden, um im Kapitalismus zu überleben und zu bestehen. Dazu gehören die großen Dinge wie Streiks und Straßenschlachten, Fabrikbesetzungen und Besetzungen öffentlicher Gebäude und riesige Organisationen, die für etwas bestimmtes kämpfen. Aber genauso wichtig sind auch die kleinen Dinge. Die kleinen Tricks bei der Arbeit, in der Community und in der Nachbarschaft, die das Leben zu Hause ein wenig erträglicher machen. Der Hass auf die Polizei und auf die Bosse und der Stolz auf das, was du bist und auf die Community, in der du lebst.

All diese Dinge haben gemeinsam, dass sie Verbindungen zwischen Menschen knüpfen. Sie öffnen Räume, in denen sich Leute treffen und miteinander reden können, ohne miteinander in Konkurrenz zu stehen. Sie erzeugen Bindungen des Vertrauens. Die kleine Betrügerei bei der Arbeit baut darauf auf, dass deine Kollegin_innen dicht halten, der große Streik darauf, dass jede_r Einzelne den Lohn zum Nutzen aller opfert.

Diese Vertrauensbindungen zwischen Leuten und ihre gemeinsamen Ziele wirken gegen die Alltagslogik des Kapitalismus. Der Kapitalismus spaltet uns voneinander ab. Wir bekommen Befehle anstatt an Entscheidungen teilzunehmen. Wenn wir etwas kaufen, egal was, kennen wir davon nur den Preis und nicht, wer es hergestellt hat und warum. Die Medien sagen uns, dass wir vor Migrant_innen und Außenseiter_innen Angst haben sollen, welche, so behaupten sie, versuchen würden, uns das wenige, was wir haben, zu nehmen. Wir werden bei jeder Bewegung gezwungen, uns selbst von der äußeren Welt abzutrennen und gegenüber den Verbindungen, die wir mit anderen Leuten bereits haben, blind zu sein.

Eine Kultur des Widerstandes stellt diese Verbindungen wieder her und macht sichtbar, was der Kapitalismus versucht, vor uns zu verstecken. Jeder Gegenstand, den wir in unserem alltäglichen Leben verwenden, wurde von anderen Menschen hergestellt. Jeder Bissen Nahrung, den wir zu uns nehmen, jedes Bisschen Energie, das wir verbrauchen, jedes Glas Wasser, das wir Trinken, existiert, weil es andere Leute möglich gemacht haben. Der Kapitalismus versteckt das hinter Preisschildern und Firmennamen. Indem er all die Dinge, die uns mit anderen Menschen verbinden versteckt, erklärt er, dass es sein Verdienst sei, dass es uns möglich ist, zu leben. Eine Kultur des Widerstandes zeigt uns, wie verbunden wir mit anderen Leuten der lohnabhängigen Klasse sind. Sie schiebt die Täuschungen des Kapitalismus beiseite und zeigt uns, wie mächtig wir wirklich sind. Das ist kein abstraktes Ideal, sondern die Enthüllung der konkreten Realität, die uns alle verbindet und die die Abstraktionen und Lügen wegwischt, die der Kapitalismus verwendet, um uns voneinander zu isolieren.

Eine Kultur des Widerstands wächst in den Eingeweiden das Kapitalismus heran und bedient sich der Verbindungen zwischen den Arbeiter_innen, welche vom Kapitalismus in manchen Fällen hervorgebracht werden, um die Anfänge einer Alternative zu schaffen. Eine Kultur des Widerstands schafft Strukturen und entwickelt Ideen der Kooperation und der Solidarität, die die künftige Welt vorwegnehmen. Eine Kultur des Widerstands ist die Schule, in der wir lernen, frei zu sein und durch den Kampf gegen den Kapitalismus all das zu werden, was ihm nachfolgen wird.

Wir lernen das Leben als freie Menschen, indem wir uns ohne Führer organisieren, wir zu direkten Aktionen gegen unsere Widersacher greifen und indem wir Entscheidungen treffen, an denen alle Betroffenen mitbestimmen können. Eine anarchistische kommunistische Welt, in der wir unsere eigenen Leben und Lebensgrundlagen in der Hand haben, kann nur von Menschen hervorgebracht werden, die sich selbst das Freisein beigebracht haben. Das tun wir in einer Kultur des Widerstands, die sich aus vielen verschiedenen Formen der Organisation zusammensetzt.

Eine Kultur des Widerstands wirkt in ganz unterschiedlichen Bereichen des Lebens. Sie wird von den Handlungen von Millionen von Menschen hervorgebracht und wird wohl mit ihren neuen Ideen und Formen, sich zu wehren, immer überraschend und aufregend sein. Es ist allerdings möglich, sich in groben Zügen auszumalen, was alles möglich ist und welche Art von Kämpfen tatsächlich stattfinden können. Der nächste Abschnitt geht tiefer auf diese Ideen ein und erklärt, warum wir finden, dass die Anarchist Federation Teil davon sein kann.

4. Wie wir kämpfen:

Das Hervorbringen einer Kultur des Widerstands

Wie wir schon gesagt haben, setzt sich eine Kultur des Widerstands aus vielen unterschiedlichen Organisationen zusammen, die verschiedenartig arbeiten. Wenn sich Menschen ohne Führer_innen oder Stellvertreter_innen organisieren oder zur direkten Aktion gegen Dinge schreiten, innerhalb derer sie ausgebeutet und unterdrückt werden, dann haben sie Anteil an der Hervorbringung einer Kultur des Widerstands, welche letztendlich den Kapitalismus umwerfen und eine neue, befreite Gesellschaft aufbauen wird. Es ist dabei ganz unmöglich, schon vorher zu sagen, welche Form diese Kultur des Widerstands annehmen wird. Die Bedürfnisse und die Vorstellungen der darin einbezogenen Leute werden bestimmen, was wie geschieht.

Widerstand am Arbeitsplatz

Bei der Arbeit ist die Auseinandersetzung zwischen Arbeiter_innen und Bossen am augenfälligsten. Die Arbeiter_innen wollen so wenig wie möglich arbeiten und soviel Geld wie möglich verdienen, wohingegen die Bosse möglichst viel Arbeitsleistung für möglichst wenig Bezahlung wollen.12 Das ist das Wesen des Kapitalismus. Bosse beuten Arbeiter_innen aus und Arbeiter_innen wehren sich gegen die Ausbeutung. Das ist der Grund, warum wir am Arbeitsplatz so stark überwacht und kontrolliert werden, wie sonst nirgendwo. Die von uns verrichtete Menge an Arbeit wird gemessen, die Art unserer Arbeit ist streng festgelegt. Uns wird vorgeschrieben, wann wir essen und wann wir zur Toilette gehen dürfen. Jede Minute eines jeden unserer Tage werden wir von den Bossen und Manager_innen überwacht, deren Job es ist, sicherzustellen, dass wir in jeder entlohnten Minute für die Firma arbeiten.

Jedoch weist dieser ganze Aufwand, den das Management mit der Kontrolle der Leute am Arbeitsplatz betreibt, auf etwas anderes hin. Bei der Arbeit sind wir unglaublich mächtig. Wenn wir für einen Lohn arbeiten, erzeugen wir die Profite, die die herrschende Klasse für ihr Dasein benötigt. Um überhaupt zu existieren, ist sie darauf angewiesen, dass wir tun, was man uns sagt. Wir brauchen sie nicht. Wenn Arbeiter_innen den geschmeidigen Ablauf am Arbeitsplatz durch Streiks oder Sabotage usw. unterbrechen, stören wir unmittelbar die Fähigkeit der herrschenden Klasse, jene Profite zu machen, auf die sie angewiesen ist. Deshalb hat der Widerstand bei der Arbeit immer ein revolutionäres Potential, egal wie klein bemessen er sein mag. Wenn wir uns weigern, Profite für die Bosse zu machen, bedrohen wir ihre ureigenste Existenz.

Die ständige Auseinandersetzung zwischen den Interessen des Managements und den Interessen der Arbeiter_innen zeigt sich auf verschiedenste Arten und Weisen. Im kleinen und eher individuellen Maßstab finden die Arbeiter_innen durch Diebstahl oder Trödeln einen Weg, um sich aus den Kontrollmechanismen des Managements herauszuwinden. Auf einer größeren und auch kollektiveren Ebene sind es Streiks und Sabotage, mit denen Arbeiter_innen dem Management Zugeständnisse abzuringen versuchen. In diesen Formen des Kampfes stehen zwei Dinge auf dem Spiel. Erstens suchen die Arbeiter_innen durch Diebstahl oder Lohnforderungen ein größeres Stück von dem von ihnen erwirtschafteten Profit abzubekommen. Zweitens versuchen die Arbeiter_innen, sich der Kontrolle des Managements zu entziehen, um mehr Freiheit Arbeitsplatz zu erlangen. Beide Bündel an Forderungen sind wichtig, aber es ist das zweite, das uns in Bereiche führt, die für die herrschende Klasse schnell sehr gefährlich werden können.

Wenn sich das Management einer militanten Belegschaft gegenüber sieht, welche das Erwirtschaften ihrer Profite stört, wird es versuchen, zu verhandeln. Allerdings werden sie
immer nur über Löhne, Arbeitsstunden und ähnliche Dinge verhandeln. Das bedeutet, sie werden immer lediglich über den Grad der Ausbeutung verhandeln, aber nie über die Ausbeutung selbst. In Verhandlungen werden sie nie die Kontrolle über den Arbeitsplatz aufgeben. Tatsächlich werden sie eine Menge Geld dafür einsetzen, die Kontrolle zu bewahren und sogar auszudehnen.13

Hier sehen wir den Unterschied zwischen revolutionärem und reformistischem Kampf am Arbeitsplatz. Reformistische Bestrebungen nehmen es mit dem Grad der Ausbeutung auf und suchen einen „faireren“ Deal zwischen Arbeiter_innen und Management. Revolutionäre Kämpfe rütteln an der Ausbeutung als Ganzem und versuchen, die Kontrolle als Ganzes aus den Händen des Managements zu nehmen. Wann auch immer wir bei der Arbeit den Kampf aufnehmen, sind beide Formen des Kämpfens als Möglichkeiten im Raum. Wie wir kämpfen und wie wir uns organisieren entscheidet darüber, ob eine Auseinandersetzung eine reformistische oder eine revolutionäre Richtung einschlagen wird.

Die herkömmlichste Form der Organisierung am Arbeitsplatz ist die Gewerkschaft. Wie schon weiter oben besprochen, ist sie eben die Organisation, welche in der Mehrzahl der Fälle völlig von der herrschenden Klasse vereinnahmt wird. Wegen der Erfahrungen vergangener Kämpfe, die die Macht des Managements bedrohten, wird Gewerkschaft an den Verhandlungstisch geladen. Indem sie zusichert, dass sich die Arbeiter_innen nicht unvorhersehbar verhalten – bspw. durch das Beginnen eines wilden Streiks oder der Sabotage von Maschinen und Geräten – erhält die Gewerkschaft im Gegenzug einen Platz im kapitalistischen Managment, ein Stück eben jener Macht, die das Management innehat. Wie die meisten Gewerkschaften organisiert sind, hierarchisch, geleitet von wenigen und mit sogenannten „Stellvertretern“, bedeutet nichts weniger, als dass diese Macht in den Händen von wenigen konzentriert wird. Diese wenigen werden selbst genauso Teil der herrschenden Klasse wie diejenigen Manager, denen sie doch angeblich gegenüber stehen. Es ist die Organisationsform von Gewerkschaften – gegründet auf Verhandlungen und Stellvertretern, anstatt auf direkter Aktion und einer vollen Beteiligung der Mitgliedschaft, hierarchisch anstatt auf Teilnahme ausgelegt – die zu den häufigen „Ausverkäufen“ und dem „Verrat“ führen, die für den modernen Arbeitskampf so normal geworden sind. Das Problem ist nicht diese oder jene bestimmte Führungsriege, sondern dass es so etwas wie eine Führerschaft überhaupt gibt.

Ironischerweise ist die Alternative zur Gewerkschaft eben das, was ihr das bisschen Macht verleiht. Wovor das Management am meisten Angst hat, sind die militanten Arbeiter_innen, die sich unabhängig organisieren und direkte Aktionen am Arbeitsplatz machen. Es ist das Gewerkschaftsversprechen gegenüber dem Management, diese Militanten unter Kontrolle zu halten, um selbst einen Platz am Verhandlungstisch zu ergattern. Wenn die Arbeiter_innen militant und selbstorganisiert sind – wie sie es beispielsweise in den 70ern waren – sind auch die Gewerkschaften stärker, da das Management umso mehr auf ihre Fähigkeit angewiesen ist, diese militanten Kämpfe in ungefährliche Bahnen zu lenken und unter Kontrolle zu bringen. Eine gespaltene, unorganisierte und passive Arbeiter_innenschaft führt zu einem Machtverlust der Gewerkschaften. Wie wir es in den letzten Jahren beobachten konnten, sieht dann das Management keine Notwendigkeit mehr, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Daraus kann gefolgert werden, dass der Schwerpunkt einer Auseinandersetzung am Arbeitsplatz nicht in einem Gewerkschaftszweig gesucht werden sollte, sondern in starken Bindungen der Arbeiter_innen und ihrer Solidarität bei der Arbeit. Diese Bindungen führen viel wahrscheinlicher zum Erfolg, da sie direkte Aktionen möglich machen, um bestehende Zustände zu verteidigen und Zugewinne zu erkämpfen. Letztenendes sehen wir diese Bindungen der Solidarität als einen ganz grundlegenden Teil einer Kultur des Widerstands und die Basis für revolutionäre Kämpfe, die über die reformistischen und defensiven Ansätze, die Bezahlung und Arbeitsbedingungen schützen und verbessern wollen, hinausgehen.

Diese revolutionären Auseinandersetzungen beinhalten nicht nur den Kampf gegen das Management, sondern auch die Bestrebung, es einfach loszuwerden. In Zeiten eines sich ausbreitenden Kampfes, wenn eine Mehrheit der lohnabhängigen Klasse gegen die herrschende mobilisiert ist, können Arbeiter_innen beginnen, den Kampf gegen das Management niederzulegen und sich selbst zu managen. Arbeiter_innen übernehmen die Fabriken und Werkstätten, die Felder und Infrastruktur, um die Güter und Dienstleistungen zu produzieren, die die Gesellschaft für sich selbst benötigt, anstatt den Profit für die Bosse zu erwirtschaften.

Für viele Arbeiter_innen wird das lediglich bedeuten, die unproduktiven und sinnlosen Jobs zu verlassen, die sie noch heute ausüben. Die allermeisten Callcenter und Büros, Versicherungen, Werbeagenturen, Börsenspekulationen und andere sinnlose Jobs, in denen nur das Geld der Reichen hin und her geschoben wird, sollten einfach aufgegeben werden. Für diejenigen, die in nützlicheren Jobs arbeiten, sollte die Art der Organisierung der Arbeit völlig umgestaltet werden. Die Arbeitsplätze sollten von Arbeiter_innenversammlungen betrieben werden oder, wo es unpraktisch sein sollte, von Versammlungen Delegierter mit einem Mandat der verschiedenen Arbeitsgruppen und Sektionen. Anstatt von der Profitlogik getrieben zu sein, würde der Austausch von Rohmaterialien und fertigen Produkten über die ganze Welt von Föderationen dieser selbstorganisierten Arbeitsplätze und der Communities, in welche sie eingebettet sind, bewerkstelligt werden,.

Zu Beginn müssten wir lediglich die Produktion der Dinge am Laufen halten, die wir benötigen. Aber während die Revolution sich verstetigen würde, müsste das ganze Wesen der Arbeit selbst umgestaltet werden. Manche Arbeit würde zentralisiert und in kleinerem Maßstab ausgeführt werden, damit die Communities mehr Kontrolle über die Dinge hätten, die sie benötigen. Andere Jobs – der Transport, zum Beispiel – müsste immer noch im größeren Maßstab betrieben werden und würde also von Föderationen bewerkstelligt werden, die den Communities, denen sie dienen, umfassend Rechenschaft leisten müssten. Die Menge an benötigter Arbeit würde erheblich verringert werden, wenn der Zweck des Profitmachens einerseits und die Entfremdung jedes einzelnen Menschen von den Tätigkeiten andererseits verschwinden würden. Wir alle würden in die Entscheidung, was getan werden muss, mit eingebunden sein. Wir alle hätten die freie Wahl, welche Arbeit wir tun wollten. Entpersonalisierte Beziehungen zwischen Waren auf dem Markt würden ersetzt werden durch Beziehungen zwischen Menschen, die einer Arbeit nachgehen, die sie interessiert. Was heute nur in sehr geringem Ausmaß innerhalb eines privilegierten Teils einer beruflichen Elite passiert, für einige Wissenschaftler und Akademiker zum Beispiel, wäre die Norm für alle.14 Wir würden arbeiten, weil wir es wollten, all derer wegen, die uns umgeben.

Widerstand in der Community

Im Gegensatz zur Arbeit, wo es einfacher ist, die Kampflinien auszumachen, ist die „Community“ viel schwieriger zu bestimmen. In der Vergangenheit lebten viele Menschen in eng verwobenen Arbeiter_innenvierteln, die sich um bestimmten Arbeitsplätze bildeten, wie Bergbaudörfer oder Fabrikstädte. In ihnen dienten die Arbeit und das Zuhause dazu, eine bestimmte Gruppe von Menschen zusammenzufassen. Diese Communities sind jetzt viel seltener geworden, aber auch als es sie noch häufiger gab, war es nicht allen in demselben Viertel möglich, sich als einen Teil der Community zu begreifen. Sie waren oft anhand der Hautfarbe gespalten, beinhalteten Ghettos für bestimmte Gruppen von Einwanderer_innen und ein großes Maß an Feindschaft zwischen im Endeffekt voneinander verschiedenen Communities. Vor allem in den USA konnte die Spaltung zwischen weißen und schwarzen Arbeiter_innen genauso gewaltsam und ausbeuterisch sein wie die Teilung der lohnabhängigen von der herrschenden Klasse. Außerdem waren sie zusätzlich anhand der Geschlechter geteilt. Männer und Frauen konnten in diesen „geeinten“ Communities völlig verschiedene Lebenserfahrungen haben: Männern besaßen über „ihre“ Frauen eine so große Macht, dass deren Gewalt mitunter das größte Problem im Leben der Frauen darstellte und nicht die Ausbeutung durch die herrschende Klasse.

Während wir argumentieren können, dass diese Teilungen im Interesse der herrschenden Klasse sind, bedeutet das nicht automatisch, dass sie einfach nur dadurch verschwinden werden, dass wir eine geteilte Identität als Arbeiter_innenklasse formulieren. Nur weil es Menschen gibt, die in einem bestimmten Gebiet zusammenleben, können wir nicht daraus folgern, dass hier eine „Community“ besteht, die bereit ist, Widerstand zu leisten. Wir sollten uns auch vor einer Nostalgie für die lohnabhängigen Klassen der Vergangenheit hüten. Die Einheit, die sie durchzog, war oft geschüttelt von und sogar manchmal gegründet auf Rassismus, Sexismus, Homophobie und so weiter.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Community als einen Kampfplatz der lohnabhängigen Klasse verwerfen sollten. Es gibt viele wichtige Auseinandersetzungen außerhalb des Arbeitsplatzes, die einen ebenso großen Anteil wie dieser am Aufbau einer Kultur des Widerstands haben. Das bedeutet, dass wir sorgsam über die Formen der Kämpfe und ihre Erfordernisse nachdenken müssen.

Ganz allgemein betrachtet gibt es zwei Arten von Kämpfen, denen wir Menschen der lohnabhängigen Klassen uns an unseren Wohnorten gegenüber sehen. Erstens, der Kampf um den sozialen Lohn, welcher Auseinandersetzungen gegen Einschnitte in lebensnotwendige Leistungen beinhaltet, sowie solche gegen die Erhöhung der Lebenshaltungskosten. Und zweitens die Auseinandersetzung, die als Identitätskampf bezeichnet werden können, obwohl es hier um viel mehr als nur das geht. Hier finden wir Auseinandersetzungen von Frauen gegen das Patriarchat, von ethnischen Minderheiten/Mehrheiten gegen Rassismus und weiße Vorherrschaft, LSBTTIQ-Menschen gegen Homophobie und Transphobie und so weiter. Diese Auseinandersetzung finden zu Hause statt, am Arbeitsplatz, innerhalb und außerhalb der Organisationen der lohnabhängigen Klassen. Sie sind jedoch Kämpfe der Community in dem Sinne, dass Menschen sich in ihnen und durch das gemeinsame Kämpfen zusammengeschlossen finden. Diese zwei Formen der Auseinandersetzungen sind idealtypisch und werden oft vermischt, in den Kämpfen der Asylsuchenden beispielsweise, die sich sowohl Rassismus als auch Angriffen auf ihren Lebensstandard entgegenstellen müssen. Wenn wir aber im Kopf behalten, dass sie unterschiedlich funktionieren, hilft es uns oft zu verstehen, was gerade vor sich geht.

Soziale Lohnkämpfe

Wenn wir über einen sozialen Lohn sprechen, so meinen wir all die verschiedenen Wege, auf denen Menschen der lohnabhängigen Klasse Leistungen vom Staat und der herrschenden Klasse erhalten, welche faktisch ihr Anteil an den Profiten der Industrie sind. Gesundheitsfürsorge, sozialer Wohnungsbau, Transport und Infrastrukturen wie Wasser und Elektrizität, Bibliotheken und Sozialleistungen, Unterstüzungsleistungen und viele andere Dinge können als Teil des sozialen Lohnes verstanden werden. Ähnlich wie Lohnerhöhung und kürzere Arbeitstage sind diese Leistungen aus vorherigen Kämpfen hervorgegangen, Siege der lohnabhängigen Klasse in der Vergangenheit. Ebenso wie die Vorzüge, die wir bei der Arbeit erhalten, werden diese oft auch einfach dazu benutzt, uns unter Kontrolle zu halten.

Die Kämpfe der Communities um den sozialen Lohn nehmen viele verschiedene Formen an, beinhalten jedoch gewöhnlicherweise eine klare Konfrontation mit einem Arm des Staates, z.B. dem Gemeinderat, und eine verhältnissmäßig gut ausmachbare Gruppe, die auf eine bestimmte Leistung angewiesen ist. Gegen Einschnitte in die örtliche medizinische Versorgung setzen sich die zur Wehr, die sie in Anspruch nehmen; Patienten einer bestimmten Klinik oder diejenigen, die im Einzugsgebiet eines bestimmten Krankenhauses leben. Mieterhöhungen werden von den Mieter_innen gegen ihren Hauseigentümer oder ihrer jeweiligen Hausverwaltung erkämpft. Gegen Schulschließungen setzen sich die betroffenen Eltern und Kinder zur Wehr. Viele unterschiedliche Taktiken stehen diesen Menschen im Widerstand zur Verfügung. Oft entscheiden sie sich für Petitionen oder das Anrufen von politischen Stellvertretern und genauso oft werden sie auch noch eher enttäuscht, als dass ihre Aktionen Erfolge erzielen. Wir können aber auch zur direkten Aktion schreiten. Besetzungen und Übernahmen von bedrohten Gebäuden oder Diensten, Massenproteste vor und innerhalb von Regierungsgebäuden, Blockaden und Unterbrechungen des normalen Betriebs bestimmter Dienste, Straßenaufstände und Aufruhr. Soziale Lohnkämpfe sind, was die Wahl ihrer Taktiken angeht, oft die fantasievollsten aller Auseinandersetzungen, was sich wiederum teilweise aus den Schwierigkeiten ergibt, denen sie sich gegenüber sehen.

Der Unterschied zwischen sozialen Lohnkämpfen und Kämpfen am Arbeitsplatz ist, dass es den Menschen, die um den sozialen Lohn streiten, nicht immer möglich ist, die Profite ihrer Gegenüber anzutasten. Rentenstreiks und die Weigerung, Steuern zu bezahlen, kann auf diese Art funktionieren, aber Protest und Besetzungen haben nicht immer solcherlei Auswirkungen. Dies ist eine der größten Herausforderungen, denen sich der soziale Lohnkampf gegenüber sieht – es fällt hier viel schwerer, die Verantwortlichen zu treffen. Viele der Taktiken, die bestimmte Communities einsetzen, zielen darauf ab, das reibungslose Walten der lokalen Regierungen auf ähnliche Weise zu unterbrechen, wie Auseinandersetzungen in der Industrie das Getriebe des Arbeitsplatzes stören. Eine andere Sammlung von Taktiken zielt ebenso darauf ab, grundlegend die Legitimität der Regierungsinstitutionen in Frage zu stellen und darauf, die Frage zu stellen, ob der Gemeinderat oder die Caritas15 oder wer auch immer überhaupt das Recht haben, die angegriffenen Dienstleistungen zu betreiben.

An diesem Punkt begeben sich soziale Lohnkämpfe oft in Richtung Selbstorganisierung und Selbstverwaltung, indem sie besetzte Häuser und Dienstleistungen selbst betreiben, Land besetzen und einfach die benötigten Dinge aufbauen, ohne auf eine Erlaubnis zu warten. An diesem Punkt wiederum passiert es häufig, dass soziale Lohnkämpfe vereinnahmt werden. Manchmal betreten politische Parteien das Feld und behaupten, für die Menschen im Widerstand gegen Kürzungen und so weiter zu sprechen. Sie behaupten, das Problem sei das Resultat derjenigen an der Macht und nicht des Systems als Ganzes. Sie benutzen die Unzufriedenheit und den Widerstand der einfachen Leute an der Basis zur Stärkung ihrer eigenen Macht, als ein Mittel des Regierens und weniger der Befreiung. Diese Parteien kommen aus dem gesamten politischen Spektrum, ob nun aus der breiten Mitte oder der linken oder sogar von ganz rechts außen – das ist eine Taktik, die beispielsweise von der BNP (British National Party) benutzt wurde. Es gibt Organisationen, die die Community für sich selbst aufgebaut hat, um Dienstleistungen, auf die sie angewiesen ist, zu verteidigen. Später werden diese dann eingeladen, mit dem Staat zu verhandeln und sogar einige Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Nach nicht allzu langer Zeit finden sie sich als diejenigen wieder, die den Unmut der Leute im Sinne des Staates verwalten, ähnlich einer Gewerkschaft am Arbeitsplatz.
Selbstorganisierte Gruppen können diese Vereinnahmung vermeiden und sich ihr widersetzen, wenn sie zu direkte Aktionen schreiten, um ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Dann können solche sozialen Lohnkämpfe erstaunliche Richtungen einschlagen. Millionen von Menschen können sich in einer Organisation gegen die Herabwürdigung ihrer eigenen Leben wiederfinden, so wie das beispielsweise während der Kämpfe gegen die „Poll Tax“ geschehen ist. Sie können ebenso das Organisation wichtiger Aspekte ihrer alltäglichen Leben übernehmen, welche sich noch in den Händen des Staates befindet.

Zu Zeiten verstärkten Kampfes, beispielsweise während langandauernder Generalstreiks, führt diese Dynamik dazu, dass Menschen das Aufrechterhalten ihrer Communities selbst übernehmen, sie für sich selbst die Dienstleistungen bereitstellen, auf die sie angewiesen sind. Während und nach der Revolution wird sich das so ausweiten, dass es zu einem Zusammenbruch der Trennung zwischen Arbeit und Community kommt, sodass die Menschen unter sich entscheiden können, welche Dienstleistungen sie brauchen und wie sie diese sich selbst zur Verfügung stellen wollen. Nachbarschaftsversammlungen werden mit den Räten in den Fabriken und Werkstätten zusammenarbeiten, um alles Lebenswichtige bereitzustellen, und jeder Mensch, der von Entscheidungen betroffen ist, wird an ihrer Entstehung beteiligt sein.

Identitätskämpfe

Das Wort „Identität“ ist wirklich nicht der Aufgabe gewachsen, all die Auseinandersetzungen zu beschreiben, über die wir hier sprechen, jedoch ist es besser als alle anderen Begriffe die wir haben. Sehr freiheitliche, und sogar äußerst radikale Weisen, über die Kämpfe von Frauen, LSBTTIQs, ethnischen Minderheiten/Mehrheiten und so weiter zu sprechen, verfehlen es, die Beziehung zwischen diesen und den Kämpfen der lohnabhängigen Klasse zu erkennen. Manchmal werden sie als Ablenkungen empfunden oder manchmal als „getrennt aber gleich“, aber selten als ein unabdingbarer Bestandteil des Kampfes gegen den Kapitalismus als Ganzes. Für anarchistische Kommunist_innen ist der Kapitalismus mehr als nur ein Klassensystem, es ist ein System, das eine ganze Palette von Hierarchien benutzt, um die Macht einer Minderheit zu erhalten. Widerstand gegen all diese Hierarchien sollte als Widerstand gegen den Kapitalismus angesehen werden.

Das bedeutet wiederum nicht, dass nicht unterschiedliche Organisationen benötigt würden für Menschen, die gegen das Patriarchat kämpfen, gegen die weiße Vorherrschaft und so weiter. Aber nur deshalb, weil die Kämpfe von Frauen oder LSBTTIQs wichtig im Kampf gegen den Kapitalismus sind, bedeutet das nicht, dass diese unumwunden in eine größere Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus eingebunden werden können. Das Wesen dieser Formen der Ausbeutung und Unterdrückung bedeutet, dass nicht nur ethnische Minderheiten/Mehrheiten oder LSBTTIQs und so weiter den Attacken des Staats in Form von diskriminierenden Gesetzen oder Polizeigewalt ausgesetzt sind, sondern dass sie auch Attacken von anderen Menschen der lohnabhängigen Klasse ausgesetzt sind.

Deshalb ist es notwendig für diese Menschen, ihre eigenen Communities aufzubauen, nicht nur, um sich zu organisieren sondern auch, um miteinander zu sprechen, ohne sich gegenüber Leuten rechtfertigen zu müssen, die nicht ihr Unterdrücktsein teilen. Es ist von grundlegender Wichtigkeit, dass die Menschen sich zu Gruppen zusammenfinden, die ausschließlich Frauen beinhalten oder ausschließlich ethnische Minderheiten/Mehrheiten oder LSBTTIQs oder körperlich Beeinträchtige und so weiter. Diese Gruppen stellen einen Raum zur Verfügung, in welchem die Menschen verstehen können, was an ihrer eigenen Unterdrückung einzigartig ist und in welchem sie sich frei von Vorurteilen – bewussten oder unbewussten – bewegen können, die nicht ihre Erfahrungen teilen. Diese Gruppen können die Basis der ‚Communities des Widerstands‘ sein. In ihnen wächst ein geteiltes Verständnis zu einem Bündel an geteilten Taktiken und Aktionen zusammen. Sie knöpfen sich sowohl den Staat als auch die alltäglichen Vorurteile und Gewalt vor, die für jeden Menschen, der als außerhalb der Norm bestimmt wird, das Leben zur Hölle machen können.

Diese einzigartigen Weisen die Welt zu sehen und Taktiken werden ein wichtiger Teil einer Kultur des Widerstands sein. Sie fordern den Kapitalismus noch weiter heraus, wie es alle ausgebeuteten Gruppen tun, indem sie die Reichweite des Widerstands vertiefen und erweitern, welchem sich die herrschenden Klassen gegenüber sehen. Die Machtungleichheiten und Hierarchien, die die herrschende Klasse benutzt, um uns voneinander getrennt zu halten, werden nicht von irgendeiner falschen „Einheit“ überwunden, welche die Unterschiede in unseren Erfahrungen mit Ausbeutung und Unterdrückung außer acht lässt. Sie werden erst dann überwunden, wenn verschiedene Menschen ihre eigenen Erfahrungen benutzen, um individuelle Formen des Widerstands hervorzubringen, die ihren Bedürfnissen zur Erfüllung verhelfen. Dies ist das Fundament von Allianzen zwischen verschiedenen Gruppen, zwischen Männern und Frauen, schwarz und weiß, Einwanderer_innen und Einheimischen, homo und hetero und so weiter, und nicht eine Einheit, die auf einem schlichten Ignorieren dieser Unterschiede gebaut ist.

Diese Communities des Widerstands sind genauso verletzlich gegenüber einer Vereinnahmung wie jede andere Form des Widerstands. Feministische Gruppen können sich in der Lage befinden, Förderungen der Regierung zu erhalten und Teil der Verwaltung des Kapitalismus zu werden, anstatt sich diesem zu widersetzen. Aktivist_innen ethnischer Minderheiten/Mehrheiten nehmen leitende Positionen innerhalb der Gemeinden ein und enden als Teil des Problems. Es sollte betont werden, dass dies keine besondere Eigenschaft solcher Arten von Gruppen ist. Arbeiter_innen-Organisationen sind genauso verletzlich für eine Vereinnahmung wie es diejenigen von Frauen oder Queers beispielsweise sind. In der Tat sind es oft die Spaltungen, die von verschiedenen Hierarchien verursacht werden, welche dafür benutzt werden. Frühe Gewerkschaften wurden in den Sack gesteckt, indem Frauen und Einwanderer aus dem Arbeitsplatz hinausgeworfen wurden und den männlichen Arbeitern ein kleines Stück der Macht als Bestechung gegeben wurde. Queere Gruppen mussten oft die Erfahrung machen, wie schwule Männer Führungspositionen und Macht übernahmen, im Gegenzug für das Herunterspielen oder gar für ein Bekämpfen der Bedürfnisse und Nöte von lesbischen Frauen oder Transgenders. Und so zerbrachen sie auch die Einheit, welche sich durch eine gemeinsame Unterdrückung ergab, mit ihrer männlichen Macht in einer patriarchalen Gesellschaft. Wie stets sind es die direkte Aktion und die Selbstorganisation, welche diese Arten der Vereinnahmung umgehen können.

Die Rolle der revolutionären Organisation

Wenn Menschen fähig sind, ihre eigenen Auseinanderstezungen zu führen und dafür zu kämpfen, dass ihre eigenen Bedürfnisse erfüllt werden, was ist dann der Punkt einer Organisation wie der Anarchist Federation? Wir sind eine Organisation von bewussten Revolutionären, die auf eine anarchistisch kommunistische Revolution hinwirken. Aber, wie wir in diesem Pamphlet schon früher festgehalten haben, glauben wir nicht, dass die Revolution von uns abhängen wird. Es wird die eigene Aktivität von Millionen von Menschen der lohnabhängigen Klasse sein, welche die Revolution hervorbringen wird, nicht die Arbeit einer handvoll Menschen mit ein paar netten Ideen. Wir sind keine revolutionäre Partei, welche die lohnabhängige Klasse aus ihrem „Gewerkschaftsbewusstsein“ herausführen wird, aus dem Reformismus hinein in die Revolution. Wir sind nicht der Embryo eines Arbeiterrates oder einer revolutionären Gewerkschaft, welche wachsen und wachsen wird, bis wir eines Tage die Macht übernehmen werden. Wir führen niemanden an, wir handeln im Namen niemandes außer von uns selbst.

Es gibt jedoch einige Dinge, die eine revolutionäre Organisation tun kann und die ohne sie bei weitem weniger wahrscheinlich eintreten würden. Anarchistischer Kommunismus ist eine lebendige Tradition der lohnabhängigen Klasse, aber es gibt Zeiten, zu denen dieses Lebendigsein an einem sehr dünnen Faden hängt. In Zeiten der Niederlagen und Spaltungen, wenn die lohnabhängige Klasse wenig eigene Organisationen besitzt und es wenig Kampf gibt, muss es etwas geben, das die gelernten Lektionen am Leben erhält. Die revolutionäre Organisation ist ein wichtiger Speicher von Wissen und Fähigkeiten. Sie birgt eine Art Gedächtnis, welches die Vision einer geeinten und kampfbereiten Arbeiterklasse lebendig hält, auch dann, wenn dieser Klasse so oft gegen den Schädel getreten wurde, dass sie beginnt, ihren Namen zu vergessen, ganz zu schweigen von ihrer Vergangenheit.

Das bedeutet, Flugblätter und Pamphlete herzustellen, Treffen zu organisieren und Bildung zu betreiben, um Ideen und Geschichte am Leben zu erhalten. Dies ist nicht nur eine akademische Übung, ein Spielen mit Ideen um des Spielens willen, es ist äußerst praktisch. Berichte von den frühen Tagen des „Poll Tax“ Kampfes zeigen klar, dass die Menschen Inspirationen aus den Erzählungen vergangener Auseinandersetzungen gegen Besteuerung zogen, welche bis zu den Bauernaufständen des 14. Jahrhunderts zurückreichten! Das Wissen, dass etwas schon einmal passiert ist, holt uns die Option des Widerstands fühlbar in den Bereich des Möglichen. Und es muss nicht bei einer nebligen Inspiration bleiben, wie wichtig auch das schon sein mag. Eine revolutionäre Organisation mit nationalen und internationalen Kontakten kann ein wichtiger Kanal für Informationen sein, welcher hierarchische Strukturen, wie die der Gewerkschaften oder Medien, umgeht und die Arbeiter_innen in verschiedenen, voneinander getrennten Kämpfen in einen direkten Austausch versetzt.

Selbstverständlich geht es um noch viel mehr als das. Mitglieder einer revolutionären Organisation sind ebenso selbst Militante und stark eingebunden in die Auseinandersetzungen an den Orten, an denen sie leben und arbeiten. Die Ideen des anarchistischen Kommunismus verbreiten sich nicht nur durch die Worte unserer Organisation, sondern auch durch die Dinge, die wir tun. Völlig gleichgültig, in was wir gerade verstrickt sind, machen wir uns stark für direkte Aktion und Selbstorganisation und widerstehen den Übernahmeversuchen und Vereinnahmungen durch autoritäre Gruppen. Unsere Mitgliedschaft in einer breitereren Organisation von Revolutionären gibt uns Zugang zu den Erfahrungen unserer Genoss_innen und erlaubt uns, die Themen und Taktiken eines jeden bestimmten Kampfes zu diskutieren, ohne uns Sorgen um die grundlegenden Dinge zu machen. Die große politische Übereinstimmung in einer revolutionären Organisation erlaubt es uns, uns um die entscheidenden Details zu sorgen, anstatt die immergleichen Argumente wieder und wieder gegen die Gewerkschaften oder für die direkte Aktion ins Feld zu führen.

Auf diesen zwei Wegen – das Erhalten und Verbreiten der Erinnerungen und Lektionen vergangener Kämpfe, und das Unterstützen verlässlicher und hingebungsvoller, aber unter Umständen vereinzelter Militanter in täglichen Kämpfen – trägt eine revolutionäre Organisation zu einer Kultur des Widerstands bei. Die Ideen des anarchistischen Kommunismus wirken weiter. Wenn wir sie zum Kämpfen benutzen, steigen unsere Chancen, zu gewinnen. Sie ermächtigen uns selbst und zeigen uns eher unsere eigene Stärke, als dass sie uns dazu anhalten, uns auf eine Riege von Führern oder Stellvertretern zu verlassen. Die revolutionäre Organisation ist ein wichtiger Weg, um diese Ideen zu verbreiten, um sie in die Tat zu setzen und sie für den Aufbau einer Kultur des Widerstands zu benutzen.

5. Es gibt kein Fazit

Anarchistischer Kommunismus ist eine lebendige, atmende Tradition der lohnabhängigen Klasse. Sie wurzelt in den Aktionen und Erfahrungen von Millionen, wuchs über die Jahrhunderte und erblüht stets aufs neue, wo wir vereint im Kampf gegen den Kapitalismus sind. Die eine Lektion, die wir immer und immer wieder lernen ist, dass sich die Menschen wehren. Wo immer sie sind, was auch immer ihnen geschieht, die Menschen wehren sich. Manchmal gewinnen wir, noch öfters tun wir das nicht, aber wo immer wir einen Fortschritt erzielen, sind die Prinzipien der direkten Aktion und der Selbstorganisation im Herzen der Dinge. Unsere Niederlagen sind nie allumfassend: Immer bleibt etwas übrig, das es erlaubt, weiter zu kämpfen und vorwärts zu gehen. Unser Sieg wird nie endgültig sein. Menschliche Wesen werden immer den Wandel und das Experiment suchen, um neue Erfahrungn zu machen, neue Dinge kennenzulernen.

Wir alle glauben, dass, solange der Kapitalismus, das Patriarchat, die weiße Vorherrschaft und der ganze Rest bestehen, es auch Menschen geben wird, die Widerstand leisten. Wir glauben, dass sie die besten Aussichten zu gewinnen haben, wenn sie sich nach anarchistisch kommunistischen Grundsätzen organisieren. Solange der Widerstand andauert, werden die Anarchist Federation und die vielen ähnliche Gruppen weltweit tun, was immer sie können, um diese Ideen zu den Menschen zu bringen, die sie benötigen. Ob bei der Arbeit, zu Hause oder in der Community, werden sich die Menschen immer wehren und wir anarchistischen Kommunisten werden immer zur Stelle sein, um sie so gut zu unterstützen, wie wir es nur können.

Kasten 1: Wie wir uns selbst regieren
- Die Spanische Revolution

Die Revolution in Spanien zwischen 1936 und 1939 war widersprüchlich, wurde ständig angegriffen und schließlich besiegt – nicht nur von den Faschist_innen sondern auch von „Antifaschist_innen“ in den eigenen Reihen. Trotz alledem war die spanische Arbeiter_innenklasse für eine kurze Zeit in der Lage, unter Einfluss von anarchistisch-kommunistischen Ideen, die weitreichendste Revolution des 20. Jahrhunderts zu verwirklichen.

Im Angesicht eines versuchten faschistischen Militärputsches begannen die spanischen Arbeiter_innen und Bäuerinnen zu streiken und zu den Waffen zu greifen. In vielen Gebieten um Arbeiterstädte wie Barcelona und Madrid und in vielen ländlichen Gebieten mit anarchistisch beeinflusstem Bauerntum, wie Aragon, Kastillien und das Levante, wurde der versuchte Putsch niedergeschlagen. Die einfachen Leute beherrschten die Straßen und Felder.

In der republikanischen Zone brachte der Einfluss des Anarchismus durch die anarcho-syndikalistische CNT, des zu jener Zeit größten spanischen Gewerkschaftsbundes, die Arbeiter_innenbewegung zu einer spontanen Kollektivierung der Industrie unter Arbeiter_innenselbstverwaltung und machte diese dadurch in vielen Fällen effektiver. Das Holzbau- und das Zimmereigewerbe wurden vollständig vergesellschaftet, ebenso wie das Bäckereigewerbe in Barcelona. Dasselbe trifft auch auf die Eisenbahn zu, während die Arbeiter_innenkontrolle in der Telekommunikation, im Energieversorgungsbetrieb, in den Kinos, Bussen und Straßenbahnen, Fabriken und Betrieben aller Arten errungen wurde. Auf dem Land reichte die Revolution sogar noch weiter, indem ländliche Kollektive das Privateigentum ganz abschafften und in vielen Fällen einen freiheitlichen Kommunismus ausriefen. Fast sieben Millionen Bauern waren an diesem sozialen Umsturz beteiligt. Sowohl in den Städten als auch auf dem Land gab es eine große Bandbreite von Formen der Kollektivierung: In manchen Fällen wurde das Geld abgeschafft, in anderen wurde es beibehalten – wieder in anderen wurden Wertmarken als Arbeitslohn eingeführt.

All das war zuviel für die konservativeren Elemente in der republikanischen Regierung und natürlich auch für deren sowjetische Geldgeber. Es wurden Gesetze gegen die Kollektivierung erlassen und die zentralisierte republikanische Armee wurde gegen die anarchistischen Milizen und radikaleren Teile der Arbeiterklasse eingesetzt. Viele aus der anarchistischen Bewegung, die keine Alternative sahen, förderten den Anschluss an die Regierung. Das nutzte aber nichts und viele tapfere Kämpfer_innen starben in stalinistischen Gefängnisszellen. Die Revolution in Spanien wurde besiegt bevor die Faschist_innen es schafften, die Republikaner_innen militärisch zu besiegen.

Kasten 2: Arbeiter_innenräte
- Wie wir die Revolution organisieren

Eines der wichtigsten Dinge, auf die wir unter dem Begriff der kommunistischen Tradition verweisen, sind die Arbeiter_innenräte. Wo auch immer es revolutiönäre Kämpfe gab, treffen wir die Arbeiter_innenräte an. Wo immer Revolutionen niedergeschlagen wurden, war das Zerschmettern der Räte eine zentrale Niederlage.

Arbeiter_innenräte sind Massenversammlungen von Arbeiter_innen in der Revolte, die den Betrieb der meisten alltäglichen Aspekte übernehmen, nachdem der Staat und die Bosse besiegt wurden oder sich auf dem Rückzug befinden. Die größten Beispiele des 20. Jahrhunderts haben sich in Russland, Deutschland, Ungarn, Spanien und vielen vielen anderen kleineren Begebenheiten ereignet. Die Geschichte des Widerstands gegen Ausbeutung ist voll ähnlicher Beschreibungen. Die Pariser Kommune von 1871, die Pariser Sektionen während der Revolution von 1789 und den folgenden Jahren, sogar die Ringe deutscher Bauern zu Zeiten der Bauernkriege im 16. Jahrhundert, haben einiges gemein mit den Arbeiter_innenräten des 20. Jahrhunderts.

Diese Massenversammlungen sind die Arenen, in denen revolutionäre Arbeiter_innen über ihre Handlungen debattieren, Pläne und Vorschläge zu Tage fördern und über ihre nächsten Schritte entscheiden. Jede_r sollte bei allen Stufen der Entscheidungsfindung anwesend sein und Räte haben sich einwandfrei bewährt, wenn es darum ging, vielschichtige Gesellschaften am Laufen zu halten. Sie existieren auf vielen verschiedenen Ebenen und bilden Föderationen, um zusammenzuarbeiten. Der Kronstädter Soviet beispielsweise bestand aus Delegierten, die mit jeweils einem Mandat eines Schiffes, dessen Besatzung und Arbeitsplatz ausgestattet waren, welche alle selbst wiederum ihre kleineren Treffen abhielten, bevor sie sich an größereren Entscheidungsfindungen beteiligten. Diese Entscheidungen waren von weniger formellen Massenversammlungen informiert, welche ständig auf öffentlichen Plätzen abgehalten wurden und auf denen Anliegen diskutiert wurden, mit denen sich die Revolutionäre am dringlichsten konfrontiert sahen. Jede einzelne Person konnte Teil der Entscheidung werden, die sie betraf. Die militärische Niederschlagung des Kronstädter Rates durch die Bolschewiken war einer der letzten Sargnägel für die Hoffnung auf ein revolutionäres Russland.

Die Anwendung und Praxis von hunderten von Arbeiter_innenräten in Dutzenden von Kämpfen zeigen uns, dass nicht nur jede_r an für die Person wichtigen Entscheidungen teilhaben kann, sondern dass Millionen von Menschen bereit waren, ihr Leben genau dafür aufs Spiel zu setzen. Wenn der Tag gekommen ist, erfindet die Arbeiter_innenklasse neue soziale Formen, um auf ihre Bedürfnisse zu reagieren. Diese Formen sind es, die uns heute zur Inspiration dienen sollten.

Kasten 3: Wie wir die Revolution verteidigen
- Der Aufstand von Kronstadt

Der Kronstädter Soviet war eine der radikalsten Organisationen der russischen Revolution. Die mit Petrograd verbundene Marinebasis lies recht schnell seine Offizieren den Stiefel spüren und wurde zu einem Treibhaus revolutionärer Aktionen und Debatten. Der Soviet, ein Rat von Delegierten der gesamten Basis, schloss sich voller Freude sowohl auf militärische als auch politische Art und Weise den frühen Tagen der Revolution an, im Februar 1917, als der Zar gestürzt wurde sowie im Oktober 1917, als eine eher revolutionäre als gemäßigte Regierung ernannt wurde.

Die Zeit verging und der Kronstädter Soviet wurde nach und nach zu einem Dorn im Auge der Bolschewiki. In den Jahren unmittelbar nach der Revolution fingen die Bolschewiki ganz bewusst an, die Macht in ihren Händen zu zentralisieren. Sie sperrten Oppositionelle weg oder brachten sie gleich um die Ecke, ließen die Militärpolizei von der Leine und hetzten sie auf die Bevölkerung und unterdrückten viele der revolutionären Organe, die sie, mit der Absicht an die Macht zu gelangen, einst unterstützt hatten. Die Fabrikkomitees, die die Arbeitsplätze nach direkten demokratischen Maßstäben organisierten, wurden aufgelöst. Die Soviets wurden auf das Format von Gummistempeln eingeschrumpft und die Landarbeiter_innenschaft wurde angegriffen und brutal zugerichtet, um den Getreidenachschub zu sichern. All das erregte Widerstand und Streiks, Krawalle griffen um sich, welchen mit brutaler Härte begegnet wurde.

Am 21. März 1921, als die Ungehaltenheit der Arbeiter_innen in Petrograd einen Generalstreik bedrohlich näher rücken ließ, veröffentlichten die Kronstädter Matrosen eine Proklamation mit folgenden Forderungen: ein Ende der politischen Unterdrückung der Arbeiter_innen- und Bauernschaft, der Anarchist_innen und Mitglieder anderer linker Parteien – Rückgabe der Kontrolle über die Armee und der Presse an die Arbeiter_innen und die Freilassung aller politischen Gefangenen der Arbeiter_innenbewegung. Die Bolschewiki antworteten auf die einzige ihnen bekannte Weise und schickten handverlesene Regimenter von Parteitreuen, um die Basis anzugreifen. Nicht einmal der brutal disziplinierten Roten Armee konnte die Niederschlagung der populären Kronstädter Matrosen anvertraut werden. Nach schrecklichen Kämpfen war der Kronstädter Soviet zerschlagen.

Bis zum heutigen Tage werden leninistische Parteien nicht müde, ihre Lügen über das, was geschehen ist, zu verbreiten. Sie selbst allerdings kennen sehr wohl die Sachlage und wissen, welche Bankrotterklärung ihr Verhalten ist, wissen sehr wohl, wie oft Parteien und Stellvertreter_innen, wie revolutionär sie auch vorgeben mögen, zu sein, die Arbeiter_innenklasse betrügen, um nach der Macht zu greifen.

Kasten 4: Wie wir um den sozialen Lohn kämpfen –
- Die „Poll Tax“ Rebellion

Im Jahre 1989 versuchte die damalige Tory-Regierung, eine neue Steuer auf lokaler Ebene einzuführen, die „Community Charge“ oder „Poll Tax“ – zuerst in Schottland und 1990 dann im restlichen Großbritannien. Diese neue Steuer forderte eine festgelegte Abgabe von allen Steuerzahler_innen mit dem Ergebnis, dass ärmere Menschen einen viel höheren Prozentsatz ihres Einkommens entrichteten als die Bessergestellteren. Für die Ärmsten der Armen hätte die neue Steuer eine wirklich Belastung bedeutet, während die Reichen eine Erleichterung zu spüren bekommen hätten. Durch viele Debatten und Widerspruch wuchs eine Widerstandsbewegung gegen die neue Steuer. So wurde der Entschluss gefasst, diese nicht zu zahlen. Die Bewegung organisierte sich selbst in lokalen „Anti Poll Tax“ Gewerkschaften (APTUs), welche die Idee des Nichtbezahlens verbreiten halfen und Menschen unter die Arme griffen, die sich gegen jegliche Versuche widersetzten, zum Zahlen gezwungen zu werden.

Die APTUs organisierten Massenversammlungen, physischen Widerstand gegen Zwangsvollstrecker_innen, die versuchten, die Steuer einzutreiben und Protest vor und Besetzungen von Rathäusern und Gemeinderatsgebäuden. Diese Taktiken waren so erfolgreich, dass die Inkassounternehmen im Angesicht von ganzen Gemeinden, die sich ihnen entschieden in den Weg stellten, pleite gingen. Die Einnahmen der Gemeindeverwaltungen brachen zusammen, als sich bis zu 17 Millionen Menschen weigerten, zu zahlen und die Kosten, Nichtbezahler_innen gerichtlich zu verfolgen, in den Höhe schossen.

Die Proteste vor Rathäusern verwandelten sich häufig in Auseinandersetzungen mit der Polizei oder gar in kleinere Aufstände und Krawalle im ganzen Land. Eine Demonstration im ganzen Königreich ging ebenfalls diesen Weg, als die Polizei auf dem Trafalgar Platz angriff. Die darauffolgenden Gefechte zogen sich über Stunden hin. Die Graswurzeln der Bewegung wuchsen zusammen, um alle Inhaftierten zu verteidigen. Einige linke Parteien sagten sich jedoch von den Aufständischen los und arbeiteten sogar mit der Polizei zusammen, Als die Aufständischen jedoch breiten Anklang unter den Menschen fanden, stritten sie das schnell wieder ab, womit sie am Ende bewiesen, dass sie mehr um ihre eigene Macht denn um die Belange der lohnabhängigen Klasse besorgt waren.

Schlussendlich wurde die „Poll Tax“ durch weitverbreitete Selbstorganisierung und direkte Aktion besiegt. Die APTUs versetzten die Menschen in die Lage, sich zu versammeln und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Die Kampagne des Nichtbezahlens brachte eine direkte Konfrontation mit dem Staat hervor – eine, die wir gewonnen haben.

Kasten 5: Wie wir die Fabrik unregierbar machen
- Industrielle Kämpfe im Großbritannien der 70er Jahre

Für einen Moment in den 70ern waren die Bosse kurz davor, die Kontrolle über die Fabriken zu verlieren, in denen ihre Reichtümer erwirtschaftet wurden. Thatchers Rhetorik der 80er über die Bedrohung des „Rechts des Managements, zu managen“, war nicht der standardmäßige Politikerhumbug. Beginnend in den 60ern bis hin zu der Niederlage des Bergarbeiter_innenstreiks im Jahr 1984 rang eine Massenbewegung militanter Arbeiter_innen mit dem Management nicht nur um bessere Bezahlung, sondern auch darum, wie der Arbeitsplatz grundlegend organisiert wurde.

Arbeiter_innen der Automobilindustrie waren dabei außergewöhnlich militant. Ihre als „englische Seuche“ bekannten und weitverbreiteten Streikaktionen griffen sogar auf die gesamte Wirtschaft über. Auf ihrem Höhepunkt 1979 wurden 29,4 Millionen „verlorene“ Arbeitstage gezählt und die Auseinandersetzungen spitzten sich zu Besetzungen und offenen Schlagabtäuschen zu. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Die Arbeiter_innen der Halewood Ford Fabrik in Merseyside erhoben sich wiederholt während der 70er. Sie kämpften für Lohnerhöhungen und gegen die Angriffe auf ihre Arbeitsbedingungen. Eine Erhöhung der Schlagzahl am Fließband und andere Angriffe wurden erfolgreich zurückgeschlagen. Weit darüber hinaus begannen die Arbeiter_innen, die Arbeit an sich abzulehnen. Freitagnacht war Streiknacht und die Spätschicht legte jede Woche die Werkzeuge nieder, um zusammen einen trinken zu gehen.

Es ist wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass der Großteil dieser Aktivitäten von den Arbeiter_innen selbst hervorgebracht wurde. Ebenso daran, dass militante Gewerkschaftsdelegierte ihren Platz innerhalb der Fabrik einnahmen, anstatt als Gewerkschaftsbürokraten in sicherer Entfernung die Mehrzahl der Aufgaben auf sich zu vereinen. In Halewood sind die regelmäßigen Massenversammlungen während der Auseinandersetzungen noch heute gut im Gedächtnis. Oft bezogen sich Menschen auch von außerhalb des Arbeitsplatzes auf sie. Diese Kämpfe richteten sich sowohl gegen das Management als auch gegen die Gewerkschaften.

Überall in Großbritannien, nicht nur in Halewood, boten militante Arbeiter_innen auf solche Art dem Management und den Gewerkschaften die Stirn und griffen nach mehr Kontrolle über ihr Leben. Um sie zu besiegen brauchte es schon eine großangelegte Attacke des Staates und eine im Sinne des Neoliberalismus vollkommen umgewandelte globale Wirtschaft, in der staatliche Infrastruktur privatisiert und damit unangreifbarer wurde und der Konkurrenzdruck durch Outsourcing in den Betrieben erhöht wurde.

Kasten 6: Unsere Umwelt und der soziale Lohn
- Die deutsche Anti-Atom-Bewegung

Im Jahr 1975 begann die westdeutsche Regierung mit dem Bau eines nuklearen Reaktors in der Nähe des kleinen Weilers Wyhl. Bereits seit 1971 entwickelte sich eine Graßwurzelbewegung gegen den neuen Reaktor, welche allerdings während der Planungsarbeiten durchweg ignoriert wurde. Am 18. Februar, einen Tag nach Beginn der Bauarbeiten, besetzten Menschen aus der Umgebung die Baustelle – sie wurden von der Polizei fortgeschleppt und zusammengeschlagen. Einige Tage später, am 23. Februar, waren es 30.000 Menschen, die zurückkamen, die Polizei zum Rückzug zwangen und den Ort wieder besetzten. Innerhalb eines Monats wurde die Baulizenz zurückgezogen – der Reaktor wurde nie gebaut.

Dies war der erste bedeutende Sieg der deutschen Anti-Atom-ewegung, welche seit den 60ern im Bauch der Friedensbewegung und innerhalb lokaler Bürgerinitiativen heranreifte. Während der späten 70er Jahre waren tausende von Menschen in Besetzungen und direkte Aktionen verwickelt, mit dem Ziel, das Regierungsprogramm der Atomenergie zu stoppen. Vorhaben in Wackersdorf und Gorleben wurden erfolgreich bekämpft. Aus Protest gegen ein vorgeschlagenes Kraftwerk in Brockdorf boten 1981 100.000 Menschen mit Steinschleudern, Stöcken, Molotovs und Steinen einem Zehntel an Polizisten die Stirn. Die deutsche Anti-Atom-Bewegung war die erfolgreichste Umweltbewegung der direkten Aktion in der neueren Geschichte. Sie begann mit lokalen Gemeinden, die sich selbst organisierten, um Bauvorhaben auf legalen Wegen Widerstand zu leisten – also durch Lobbyarbeit, Proteste und so weiter. Dies wuchs sich zu einer massiven Allianz zwischen Anarchist_innen, libertären Linken, Lokalgruppen und nationalen Kampagnen aus, die es zu Wege brachten, sich gegen eine der größten Polizeimobilisationen in der Geschichte Westdeutschlands erfolgreich durchzusetzen. Als die Regierung schlussendlich nachgab wurden Teile dieser Bewegung in die Partei „Die Grünen“ vereinnahmt und während andere Teile der Bewegung an Einfluss verloren. Sie wirken jedoch bis zum heutigen Tage nach und weiter. Sogar im Jahr 2008 schafften es 15.000 Menschen, das Verschiffen von nuklearem Müll zu blockieren. Jede deutsche Regierung kann sich darauf gefasst machen, dass jeder Zuckung in Richtung eines neuen nuklearen Energieprogrammes mit Widerstand begegnet wird.

Anarchist Federation (UK)
Ziele und Prinzipien

1. Die Anarchist Federation ist eine Organisation revolutionärer, klassenkämpferischer Anarchisten. Wir streben das Ende aller Hierarchien an und wirken hin zur Schaffung einer weltweiten klassenlosen Gesellschaft: dem anarchistischen Kommunismus.

2. Der Kapitalismus ist gegründet in der Ausbeutung der lohnabhängige Klasse durch die herrschende Klasse. Ungleichheit und Ausbeutung finden ihren Ausdruck jedoch ebenso hinsichtlich von Hautfarbe16, Geschlecht, Sexualität, Gesundheit, Beeinträchtigung17 und Alter. Auf diese Art unterdrückt ein Teil der lohnabhängigen Klasse den anderen. Dies ist, was uns trennt und einen Mangel an Einheit in unseren Kämpfen verursacht, wovon die herrschende Klasse wiederum profitiert. Unterdrückte Gruppen werden durch eigenständige Aktionen gestärkt, welche die sozialen und ökonomischen Machtverhältnisse herausfordern. Um unser Ziel zu erreichen, müssen wir darauf verzichten, Macht über uns gegenseitig auszuüben – auf einer persönlichen wie auch politischen Ebene.

3. Wir glauben, dass das Bekämpfen von Rassismus und Sexismus ebenso wichtig ist wie jeder andere Aspekt des Klassenkampfes. Anarchistischer Kommunismus kann nicht verwirklicht werden, solange Sexismus und Rassismus bestehen. Um in ihrem Kampf gegen Unterdrückung schlagkräftig zu sein, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch innerhalb der lohnabhängigen Klasse, wird es für Frauen, LSBTTIQ-Menschen und PoC18 notwendig sein, sich unabhängig zu organisieren. Allerdings sollte dies als Menschen der lohnabhängigen Klasse geschehen, da klassenübergreifende Bewegungen die wirklichen Klassenunterschiede verschleiern und wenig in diesem Sinne erreichen. Völlige Emanzipation kann nicht ohne das Abschaffen des Kapitalismus erreicht werden.

4. Wir stellen uns gegen die Ideologie nationaler Befreiungsbewegungen, welche den Anspruch erheben, dass es angesichts einer fremden Beherrschung gemeinsame Interessen zwischen einheimischen Bossen und der lohnabhängigen Klasse gebe. Wir unterstützen jedoch Kämpfe der lohnabhängigen Klasse gegen Rassismus, Genozid, Ethnozid und politischen und ökonomischen Kolonialismus. Wir tellen uns gegen die Schaffung jedeweder neuen herrschenden Klasse. Wir lehnen jede Form des Nationalismus ab, da dies lediglich dazu dient, Spaltung innerhalb der internationalen lohnabhängigen Klasse zu erneuern und zu vertiefen. Die lohnabhängige Klasse hat kein Land, die nationale Grenzen müssen aufgelöst werden. Wir streben die Schaffung einer anarchistischen Internationalen an, um mit anderen libertären Revolutionären auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten.

5. Ebenso wie durch Ausbeutung und Unterdrückung der Mehrheit aller Menschen, bedroht der Kapitalismus die Welt durch Krieg und die Zerstörung der Umwelt.

6. Es ist nicht möglich, den Kapitalismus ohne die Revolution zu beseitigen, die aus dem Klassenkonflikt heraus entstehen wird. Die herrschende Klasse muss völlig umgestürtzt werden, um das Ziel des anarchistischen Kommunismus zu erreichen. Da die herrschende Klasse die Macht nicht ohne den Einsatz von Waffengewalt aus der Hand geben wird, wird diese Revolution eine Zeit der Gewalt wie auch der Befreiung sein.

7. Gewerkschaften können wesentlich nicht zu einem Vehikel der revolutionären Umwandlung der Gesellschaft werden. Diese müssen vom Kapitalismus akzeptiert werden, um zu funktionieren und können so keine Rolle beim Umsturz desselben einnehmen. Gewerkschaften spalten die lohnabhängige Klasse – in Erwerbstätige und Erwerbslose, Handel und Handwerk, professionell und unprofessionell usw. Sogar syndikalistische Gewerkschaften werden vom Wesen des Gewerkschaftlichen im Zaum gehalten. Die Gewerkschaft muss fähig sein, ihre Mitgliedschaft zu kontrollieren, um Deals mit dem Management auszuhandeln. Ihr Ziel ist es, durch Verhandlungen eine gerechtere Form der Ausbeutung der Arbeitskraft zu erreichen. Die Interessen der Führer und Stellvertreter werden immer von den unseren verschieden sein. Die Klasse der Bosse ist unser Feind, und während wir ihnen bessere Bedingungen abringen, müssen wir begreifen, dass jene Reformen, die wir heute erkämpfen, uns schon morgen wieder aus der Hand genommen werden können. Unser ultimatives Ziel muss die völlige Abschaffung der Lohnsklaverei sein. Das Arbeiten innerhalb der Gewerkschaften kann dies nie erreichen. Jedoch argumentieren wir nicht dafür, dass die Leute die Gewerkschaften verlassen sollen, bis sie nicht durch die Revolution obsolet geworden sind. Die Gewerkschaft ist häufig ein gemeinsamer Ausgangspunkt für viele Arbeiter_innen. Belegschaftsinitiativen können uns im Kampf für den anarchistischen Kommunismus stärken. Wichtig ist, dass wir uns selbst kollektiv organisieren und dafür Partei ergreifen, dass Arbeiter_innen selbst ihre Kämpfe kontrollieren.

8. Echte Befreiung kann nur durch die revolutionäre Selbsttätigkeit der lohnabhängigen Klasse auf Massenebene herbeigeführt werden. Eine anarchokommunistische Gesellschaft bedeutet nicht nur Kooperation zwischen Gleichen, sondern auch ein aktives Einbringen in die Gestaltung und Schaffung eben jener Gesellschaft während und nach der Revolution. In Zeiten des Aufstands werden die Menschen ihre eigenen revolutionären Organisationen gründen müssen, die der Kontrolle jeden und jeder Beteiligten unterliegen werden. Diese autonomen Organisationen werden außerhalb der Kontrolle politischer Parteien stehen, und innerhalb ihrer werden wir einige wichtige Lektionen der Selbsttätigkeit lernen.

9. Als Anarchisten organisieren wir uns in allen Bereichen des Lebens, um zu versuchen, den revolutionären Prozess vorwärts zu bringen. Wir glauben, dass eine starke anarchistische Organisation notwendig ist, um uns zu diesem Ziel zu verhelfen. Im Gegensatz zu anderen sogenannten Sozialisten oder Kommunisten wollen wir nicht die Macht oder die Kontrolle für unsere Organisation. Wir erkennen an, dass die Revolution nur unmittelbar von der lohnabhängigen Klasse durchgeführt werden kann. Jedoch muss die Revolution als Vorläufer solche Organisationen haben, die die Menschen von der anarchokommunistischen Alternative und Methode überzeugen können. Wir bringen uns ins Kämpfen als anarchistische Kommunisten ein und organisieren uns auf föderativer Basis. Wir lehnen Sektierertum ab und wirken hin zu einer vereinten revolutionären anarchistischen Bewegung.

10. Wir stellen uns gegen organisierte Religion und religiösen Glauben und religiöse Glaubenssysteme.