Archiv für September 2014

Ziele und Mittel

Der wichtigste Teil der Arbeiterklassentradition die wir Kommunismus nennen ist die Weigerung zwischen Zielen und Mittel zu unterscheiden. Die Organisation die wir aufbauen während wir den Kapitalismus bekämpfen wird die Basis dafür alles sein, was nach der Revolution kommen wird. Wenn diese Organisation nicht die Gesellschaftsprinzipien beinhaltet die wir anstreben, dann wird diese Gesellschaft nicht zustande kommen.

Wenn wir eine Zukunft wollen, in der alle an einer Entscheidung teilnehmen die sie betrifft, dann müssen wir auch jetzt Organisationen aufbauen, in denen das passiert. Die Anarchists Federation ist eine solche Organisation.
Diese ‚Präfiguration’, wie es genannt werden kann, ist einer der zentralen Gedanken des Anarchismus. Die wichtige Parole „eine neue Gesellschaft in der Hülse der alten aufbauen” fasst diesen Gedanken zusammen. Das heißt, dass wir nicht einfach nur gegen den Kapitalismus kämpfen. Wir kämpfen auch, dafür, so weit es möglich ist, auch jetzt so zu leben wie wir es uns wünschen und so Alternativen zum Kapitalismus vor seiner Nase aufzubauen.

In Sachen Organisation heißt das, dass wir, woimmer wir uns auch engagieren, versuchen diese Gruppe in Richtung direkter Demokratie und volle Einbindung aller Beteiligten in die Entscheidungen zu schieben. Egal ob es eine Wohnviertelorganisierung oder eine politische Kampagne ist, ein Streikausschuss oder ein Gartenkollektiv, wir drängen auf eine Organisierung ohne Anführer und Hierarchien.
Wir glauben nicht nur dass dies die Gruppen dadurch ihre direkten Ziele effektiver erreichen können, sondern auch dass dadurch das Selbstvertrauen der Beteiligten wächst und ihnen so das Werkzeug in die Hand gegeben wird, auch woanders in ihrem Leben Widerstand zu leisten.

Durch viele verschiedene Kämpfe und viele verschiedenen Organisationen wird das eine breite Kultur des Widerstands unter gewöhnlichen Leuten aufbauen. Revolutionäre Kämpfe werden von Leuten, die in dieser Kultur gefestigt sind, ausgehen.
Dennoch hat Präfiguration ihre Grenzen. Alternativen zum Kapitalismus hier und jetzt aufzubauen heißt für viele Menschen eine von zwei Dingen: Entweder eine lebensstilbezogene bzw. individualistische Antwort oder ein Versuch eine Dual-Power-Situation. Obwohl die AF oft mit diesen Ansätzen sympathisiert und sie nicht vollständig zurückweist, glauben wir nicht sie alleine zu einer Revolution führen können. Außerdem haben gibt es an beiden ernste Kritik von unserer Seite aus.

Die Grenzen der Präfiguration: Lifestylism

Die Labels „Lifestylist” oder „Individualist” werden häufig gebraucht; dabei oft unfair und als Beleidigung, weshalb wir sehr vorsichtig sein müssen wenn wir sie gebrauchen. Wenn wir über Politik des Lifestyles oder Lebensstils sprechen dann sprechen wir über eine Art von Politik die sich darauf konzentriert auf eine Art aus dem Kapitalismus „auszubrechen”, „auszusteigen” und zu leben ohne auf die kapitalistische Ausbeutung angewiesen zu sein. Das kann vieles bedeuten. Es kann es im kleinen Rahmen geben, wie in besetzten Häusern zu wohnen und vom Stehlen in Supermärkten oder von den noch sehr guten Lebensmitteln zu leben diese wegwerfen (bekannt als „containern”). Oder es kann in viel größerem Stil gemacht werden, wie ein Gemeinschaftsgarten oder eine Landkommune.

Die Beweggründe, die die Leute für solche Dinge haben, sind sehr gute. Sie sehen das Leid welches der Kapitalismus jeden Tag erzeugt und wollen kein Teil davon sein. Sie versuchen, indem sie stehlen oder das nehmen was weggeworfen wird, aufzuhören die Chefs weiter zu unterstützen die uns und Menschen in aller Welt ausbeuten. Indem sie zurück aufs Land gehen und versuchen in Bezug auf Nahrung und Energie als Selbstversorger zu leben, versuchen sie so mit so wenigen Verbindungen zum globalen Kapitalismus wie möglich zu leben. Dazu bedeutet diese Art von politischem Lifestyle oft auch das Aufbauen und Leben in Gemeinschaften die auf Solidarität und gegenseitigem Respekt basieren. Viele, die in diesem Bereich aktiv sind, würden sagen dass eine „neue Gesellschaft in der Hülse der alten aufzubauen” genau das bedeutet.

Während wir viele Leute respektieren, die diese Entscheidungen der persönlichen Lebenführung für sich treffen, verwerfen wir diese jedoch als eine nützliche Form der politischen Aktion. Der Hauptgrund dafür ist der, dass es nicht etwas ist, in dass sich die Mehrheit der Leute nicht einfach einbringen kann. Die mit erheblichen Schulden, Abhänigkeiten, Gesundheitsproblemen oder einem von unendlich vielen anderen Begrenzungen ihrer Handlungsfreiheit finden es sehr schwer, wenn nicht unmöglich, „auszusteigen”. Es ist unmöglich eine Massenbewegung des Lifestylism aufzubauen. Tatsächlich versucht Lifestylism gar nicht den Kapitalismus zu stürzen oder zu zerstören, er versucht nur seine eigenen Hande vom Blut reinzuwaschen. Es gibt wirklich ein enormes politisches Problem mit Lifestyle-Antworten auf den Kapitalismus. Oft führt diese Form der Politik zu einer Art Elitismus und Arroganz auf seiten der Leute die einen „politischen” Lebensstil führen. Einfach Leute werden dann zu „sheeple” (Wortspiel aus ‚sheep’=Schafe und ‚people’=Leute, Anm.d.Üb.), die von ihrem Job und den Medien hoffnungslos gehirngewaschen wurden und so genauso sehr ein Teil des Problems sind wie die Leute, denen die Wirtschaft gehört und die sie beherrschen. In seiner extremsten Formen, wie im Primitivismus, führt es Leute zu einem offenen Aufruf die Mehrheit der Menschheit auszulöschen und zu einem Jäger-Sammler-Leben zurückzukehren. Diese Art von Einstellung ist keine unausweichbare Konsequenz vom Aussteigertum, aber sie ist sehr verbreitet (vorallem im englischsprachigen Raum, Anm.d.Üb.) und eine Folge aus einer individualistischen Sichtweise auf den Kapitalismus. Aber der Kapitalismus beutet uns nicht als Individuen aus, sondern als Gruppen oder Klassen. Wir werden als Arbeiterinnen und Arbeiter ausgebeutet, als Frauen, als nicht-weiße Minderheiten oder sogar Mehrheiten. Wir werden als Queers oder Transgender unterdrückt, als Berufstätige mit ein paar Zulagen, oder als Zeitarbeiter*innen ohne, als „Konsument*innen” im Westen und als verfügbare Reservearbeitskräfte im globalen Süden.
Wenn wir auf dem Schaden, den der Kapitalismus zufügt, als Individuen antworten, dann ist die einzige logische Antwort zu verzichten. Du lebst ohne eine Arbeitsstelle, ohne Einkaufen, ohne von dem uns umgebenden System der Ausbeutung abhängig zu sein. Wenn das unmöglich ist verringerst du die Auswirkung auf ein Minimum. Du holst dir einen „ethisch korrekten” Job, kaufst „ethisch korrekte” Produkte und reduzierst deinen Beitrag zur Ausbeutung auf diese Weise. Von dort aus ist es nur noch ein kleiner Schritt dazu die Leute zu diffamieren, die nicht so „aufgeklärt” wie du sind, die den Kapitalismus am Laufen halten weil sie „sich weigern” zu verzichten.

Wenn du aber als Mitglied einer breiteren, ausgebeuteten Klasse auf den Kapitalismus antwortest, dann ist die logische Antwort eine kollektive. Du zeigst deine Solidarität mit Leuten in der selben Situation wie du, du kämpfst dort wo du bist für bessere Bedingungen, und für mehr Mitsprache über deine Lebensbedingungen. Eine kollektive Antwort wie diese ist immer oppositionell. Sie muss immer den Kapitalismus konfrontieren anstatt einen Weg zu finden darum herum zu kommen. Sie ist der potentielle Anfang einer Massenbewegung und die Grundlage für eine neue Gesellschaft, die auf der Anerkennung unserer gemeinsamen Interessen beruht.

Letztlich hat die herrschende Klasse davor Angst und nicht davor dass Leute aussteigen, weshalb wir Wege dafür suchen sollten.

Die Grenzen der Präfiguration: Duale Macht

Der andere typische Ansatz der präfigurativen Politik ist der Versuch duale Macht aufzubauen. Das bedeutet Organisationen im Hier und Jetzt aufzubauen, die eines Tages den Kapitalismus ersetzen werden. Diese können alles Mögliche sein, von verschiedenen Kooperativen, die versuchen auf nicht-hierarchische Weise Dinge zu produzieren oder zu verkaufen, bis hin zu revolutionären Massengewerkschaften, die darauf abzielen den Industriebetrieb zu übernehmen.

Durch den Aufbau von Organisationen, das ist die Idee dabei, in denen die Leute jetzt ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, kann ein Punkt von „dualer Macht” erreicht werden. Das wäre dann eine Situation in der sowohl Kapitalismus als auch eine mögliche Alternative dazu nebeneinander her laufen, wo also zwei Systeme der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Organisation in direkter Konkurrenz zueinander stehen. Für Leute die so argumentieren ist das die Art und Weise wie die Revolution ablaufen wird. Die Menschen bauen eine Alternative auf, zu der immer mehr Menschen überwechseln bis sie stark genug ist um den Kapitalismus direkt zu konfrontieren und zu ersetzen.

Es gibt viele verschiedene Ansätze der dualen Macht. Manche verstehen sich so, dass sie ein Beispiel geben, welches von anderen Leuten aufgegriffen werden kann und vielleicht sogar staatliche Politik werden kann. Etwa die Transition Town Bewegung oder verschiedene Bewegungen alternativer Erziehung funktionieren auf diese Weise. Sie sind selten konfrontativ und sehen sich selbst eher als reformistisch denn als revolutionär an. Aber sie sehen die Notwendigkeit eine alternative Basis der Macht außerhalb von Staat und Kapital aufzubauen.

Andere streben danach, durch Kooperativen, Genossenschaftsbanken, lokale Handelssystemen (Tauschringe oder Alternativwährungen) und so weiter ganze alternative Ökonomien aufzubauen. Diese könnten, so wird argumentiert, den Punkt erreichen, an dem sehr viele Menschen außerhalb der kapitalistischen Ökonomie leben. Leute die in dieser Tradition aktiv sind nennen sich oft, aber nicht immer, Mutualistinnen und Mutualisten.

Eine Variation dieser Idee sieht eher im Aufbau alternativer Zentren von eher politischer als ökonomischer Macht den Schlüssel. Dabei gibt es zwei Haupttraditionen. Die einen konzentrieren sich im Aufbau von Stadtteilversammlungen um lokale Entscheidungen zu treffen und die anderen versuchen über Wahlen die Rathäuser und Gemeinderäte zu übernehmen. Diese Leute bezeichnen sich oft, aber wieder nicht immer, als Mutualistinnen und Mutualisten.

Andere konzentrieren sich darauf revolutionäre Gewerkschaften aufzubauen, welche die Betriebsleitung am Arbeitsplatz konfrontiert um unmittelbare Erfolge zu erzielen. Ebenso wichtig ist bei diesen, dass sie durch direkte Demokratie geleitet werden, um Arbeiterinnen und Arbeitern darin zu üben, Entscheidungen zu treffen und sich zu organisieren. Diesen Gewerkschaften wird dann zugetraut die gesamte Industrie zu übernehmen und dabei den Kapitalismus vollständig abzuschaffen. Das wird üblicher Weise als Syndikalismus bezeichnet.

All diese Ansätze, und sie lassen sich oft kombinieren, versuchen politische und ökomische Alternativen zum Kapitalismus direkt vor seiner Nase aufzubauen. Sie argumentieren, diese Alternativen seien dazu in der Lage bis zu dem Punkt zu wachsen, an dem entweder der Kapitalismus verkümmert oder es zu einer Konfrontation zwischen den beiden Systemen kommen wird, welche zu einer Revolution und der Zerschlagung des Kapitalismus führt.

Es gibt viel gutes an diesen Ansätzen. Sie ermutigen einfache Leute zur Selbstorganisation und zur direkten Aktion. Sie erteilen den Beteiligten wichtige Lektionen in der Zusammenarbeit und Erfahrungen von direkter Demokratie. Die AF verwirft keine dieser Ansätze kurzer Hand und ihre Mitglieder engagieren sich oft selbst in solche Projekte.

Dennoch gibt es wichtige Schachpunkte dieser Ansätze, die ihre Nützlichkeit begrenzen. Denn diese Art von Projekten sind sehr anfällig für Angriffe durch den Staat. Es können Gesetze erlassen werden, die die meisten Kooperativen illegalisieren oder zumindest deren Aufbau sehr erschweren. Den Stadtteilversammlungen können Resourcen verweigert werden oder sie können sogar von der Polizei oder Armee angegriffen werden. Leute die eine Strategie der dualen Macht verfolgen sind oft überoptimistisch was ihre Fähigkeit angeht Repression zu vermeiden. Aber Staat und Kapital tendieren dazu jede Gefahr für sie eher früher denn später anzugreifen.

Es sind jedoch nicht die direkten Angriffe des Staats, welches die größten Probleme an Strategien dualer Macht sind. Das größte Problem ist das Risiko der Vereinnahmung. Damit ist gemeint, dass Bewegungen und Organisationen, die versuchen eine Alternative anzubieten oft vom Kapitalismus „erobert” werden. Sie zu einem Teil des Kapitalismus anstatt einer Alternative zu ihm; sie helfen bei der Organisation der Ausbeutung der Menschen anstatt diese zu beenden. So werden zum Beispiel Kooperativen selbst zu Arbeitgebern1, volle Mitglieder der Kooperative werden zu Manager*innen und neue Angestellte zu Arbeiter*innen wie alle anderen auch2. Stadtteilgruppen werden von der Stadtverwaltung zu Verhandlungen eingeladen, bekommen Gelder und Zugang zu etwas Macht und enden dabei die Stadtratspolitik zu verwalten, welcher sie ursprünglich entgegentreten wollte. Hausprojekte werden Vermieter, Genossenschaftsbanken werden Banken (in UK wie in der BRD begannen Wohnbauunternehmen oft als Wohngenossenschaften), syndikalistische Gewerkschaften verhandeln mit der Betriebsleitung und gehen hart gegen wilde Streiks vor. Einfache Leute, die versuchen damit anzufangen Alternativen aufzubauen enden darin das zu werden, was sie hassen.

Jede potentielle Alternative im hier und jetzt wird gezwungen sein mit den Sachen umzugehen, welche sie ersetzen will. Ein Kooperativeladen wird seine Waren vom kapitalistischen Anbieter kaufen müssen. Eine Stadtteilversammlung wird mit der Stadtverwaltung verhandeln müssen, wenn es sich Resourcen sichern will. Sogar syndikalistische Gewerkschaften, eine sehr konfrontative Art zu Arbeiten, werden sich gezwungen sehen, mit der Betriebsleitung zu verhandeln.

Das heißt nicht, dass wir all diese Arten zu kämpfen vollständig ablehnen sollten. Aber es heißt, dass keines dieser Wege alleine den Weg zur Revolution darstellt.

Anstatt dass wir diese Arten der Kämpfe als Möglichkeiten sehen, den Kapitalismus zu ersetzen, sollten wir anfangen sie als Möglichkeiten unter vielen anderen Möglichkeiten sehen, um eine Kultur des Widerstandes aufzubauen. Es nicht wichtig, dass wir eine bestimmte Organisation aufbauen, sondern dass wir diese Kultur erzeugen.